Text von Br. David Steindl-Rast OSB
«Schuld» bezeichnet ein Schuldigbleiben – auf allen Ebenen bis hin zu dem, was wir dem Sein selbst schuldig bleiben. Moralisch betrachtet, bedeutet Schuld also, dass wir uns selbst, anderen oder dem Leben Geschuldetes vorenthalten.
So verschulden wir uns zum Beispiel an uns selber, wenn wir unserem Leib oder Geist gesunde Nahrung entziehen, unsere Kreativität verkümmern lassen oder denkfaul werden.
An anderen können wir uns auch dadurch verschulden, dass wir ihnen unsere Bürgerpflichten schuldig bleiben, nicht an Wahlen teilnehmen oder beim Spenden für wohltätige Zwecke knausern – ganz allgemein also durch Gleichgültigkeit.
Wenn Verschuldung am Leben erwähnt wird, denken wir wohl zunächst an das, was wir unserer Umwelt schuldig bleiben. Und das ist höchst wichtig.
Eine noch grundlegendere Verschuldung dem Leben gegenüber übersehen wir jedoch meist, nämlich dass wir dem Leben nicht das Vertrauen schenken, das wir ihm schulden. Und dieses Fehlen an Lebensvertrauen kann viel Leid verursachen – für uns selbst und für andere.
Hinter dem Begriff von Schuld steht das Bild einer so hohen finanziellen Verschuldung, dass säumige Schuldner dafür ihre Freiheit verlieren und in Schuldknechtschaft geraten. Sie können allerdings losgekauft werden – also «erlöst» werden. (S. 169)
Wie wird nun das Bild «Loskauf» als Erlösung von Schuld in unserem täglichen Leben zur Wirklichkeit?
Wir können uns diesen Prozess in einer Reihe notwendiger Schritte veranschaulichen.
Der Ausgangspunkt ist unser Schuldgefühl. Es steigt in uns auf, und wenn wir uns der Tat und ihren Folgen ehrlich stellen, ohne Ausflüchte oder Selbstrechtfertigung, dann führt Schuldgefühl zum Bedauern dessen, was wir getan haben.
Religiös ausgedrückt heißt dieses Bedauern «Reue».
Kennzeichen echter Reue ist, dass wir jetzt unsere Verfehlung wiedergutmachen wollen. Manchmal gelingt das dadurch, dass wir die Betroffenen um Vergebung bitten und den Schaden wiedergutmachen.
Wenn wir das ernstlich versuchen, es aber praktisch nicht möglich ist, dann können wir auch versuchen, stattdessen an anderer Stelle Gutes zu tun – etwa jemanden zu unterstützen, der ähnliches Leid erfahren hat, wie das von uns verschuldete Leid.
Wir können auch anderswo freiwillig dienen und spenden. Oder unsere Erfahrung zum Anlass nehmen, anderen Schaden zu ersparen.
So wird das Unrecht zwar nicht ausgelöscht, aber in etwas Heilsames verwandelt.
Die Reue, die Früchte trägt, lähmt nicht, sondern sie befreit.
Wir dürfen auch uns selbst vergeben – und das ist ein wichtiger Schritt.
Wir dürfen als letzten Schritt alle Schuld vertrauensvoll dem Leben – und damit «Gott», dem Großen Geheimnis im Herzen des Lebens – überlassen.
Ist aber Lebensvertrauen angesichts
von Schuld und Leid
überhaupt berechtigt?
Die Antwort ist: Ja.
Erfahrungsgemäß ist das Leben zugleich gerecht und vergebend. Es ist gerecht, denn «jede Schuld rächt sich auf Erden», wie es bei Goethe heißt.[1] Sie wird nicht bestraft, sie bestraft sich selbst durch ihre Folgen.
Wenn etwas verletzt wird, entsteht Schmerz. Das Leben ist aber vergebend, denn der Schmerz als Alarmglocke ist ja schon der Beginn eines Heilungsprozesses.
Manchmal müssen wir zwar anerkennen, dass nicht jede Krankheit kuriert werden kann, aber selbst dann noch kann der Mensch als Ganzer Heilung finden.
Und wo Menschen einander Leid zufügen, kann aus erlittenem Schmerz eine Haltung des Mitgefühls und der Demut erwachsen, die zu einem gerechteren, achtsameren Handeln in Zukunft führt.
Das Leben «vergibt» nicht im juridischen Sinn,
sondern es verwandelt:
Es geht mit Schuld nicht moralisch,
sondern heilerisch um.
Es kompensiert, erneuert, integriert.
Wo etwas zerstört wird, entsteht Raum für Neues; wenn Gleichgewicht gestört wird, findet das Leben neues Gleichgewicht.
Wo es um gegenseitige Verletzung geht, da gilt der Satz:
«Der Mensch ist nie so schön,
als wenn er um Verzeihung bittet
oder selber verzeiht.»(Jean Paul, 1763-1825)
Und wieso? Weil er dann «echt» ist.
Menschen werden oft erst
durch den kreativen Umgang
mit Schuld wirklich «echt».
Und ums Echtwerden
geht es letztlich im Leben.
In dem klassischen Kinderbuch «Das Samtkaninchen» von Margery Williams (1881-1954) wünschen sich alle Kuscheltiere sehnlichst, «echt» zu werden.
«Tut es weh?»,
fragen sie das alte, weise Schaukelpferd.«Manchmal»,
antwortet das Schaukelpferd, denn es ist immer ehrlich.
«Aber wenn du echt bist,
macht dir das nichts aus.»Das Wort «echt» fasst am besten zusammen,
was es bedeutet, erlöst zu sein.Und Echt-Sein braucht nichts zu «bringen».
Es ist seine eigene Belohnung. (S. 170f.)
[Obiger Text, wie auch in Ergänzend: 4, ist dem Buch Worauf es letztlich ankommt: 100 Fragen – 100 Antworten (2026) entnommen]
[Ergänzend:
1. Festival «Die Kraft der Visionen» (1991)
Audio 2.1 ‹Der Weg zu Fülle und Nichts› und die Mitschrift:
(14:14) Ankommen im Jetzt, das nicht vergeht (Nunc stans)
Wir können uns ja fragen: Wo sind wir denn wirklich?
Wir sehnen uns darnach, echt zu sein, wirklich zu sein:
Wo können wir wirklich sein? ‒ Nur im Jetzt.
2. Leiden als Mitleiden ist ein Thema, mit dem sich Menschen immer wieder an Bruder David wenden, wie Andreas Salcher im Interview Der verletzte Mensch (2008)
3. Das Vaterunser (2022): ‹Schuld als Zerreißen, Schuldigbleiben und Aus-dem-Schritt-Fallen›: Gespräch von Brigitte Kwizda-Gredler mit Bruder David, 80f.:
Bruder David: Es geht immer um Erbresonanz mit dem Leben in seiner Ausgewogenheit von Geben und Nehmen. Wenn ich aus dieser Resonanz mit dem Leben herausfalle, dann mache ich mich schuldig. Sünde hängt ja sprachlich mit «absondern» zusammen. Sünde bedeutet Riss, der durch das feine Gewebe unserer Beziehungen geht. Schuld kann immer als ein Schuldigbleiben verstanden werden.
Für mich als Christ ist es da sehr tröstlich, im 1. Johannesbrief zu lesen:
«Auch wenn unser Gewissen uns schuldig spricht,
dürfen wir darauf vertrauen,
dass Gott barmherziger mit uns ist als wir selbst.»
So gibt die Bibelübersetzung «Hoffnung für alle» die Stelle im 1. Johannesbrief wieder, die wörtlich heißt, «dass, wenn unser Herz uns verdammt, Gott größer ist als unser Herz» (1 Joh 3,20).
Brigitte: Das ethische Pendant dazu ist: «Alles verstehen heißt alles verzeihen.»
Bruder David: Und Gott – das Große Geheimnis – ist die Liebe. Darum vergibt Gott nicht nur die Schuld, Gott ist die Vergebung. Gott teilt nicht Strafen aus, sondern Gaben.
Brigitte: In unseren Gesprächen haben wir immer wieder das Bild des Tanzens zur großen kosmischen Musik verwendet. Da wird die Verfehlung zum Nicht-auf-die-Musik-Hören und deshalb zum Schritt, der nicht dem Takt folgt.
Bruder David: Diese drei Bilder von Sünde als Zerreißen, Schuldigbleiben und Aus-dem-Schritt-Fallen weisen auch recht deutlich darauf hin, wie wir die Verfehlung gutmachen können: durch das sorgfältige Wiederverweben von Beziehungen; durch Wiederherstellung eines ausgewogenen Austausches; durch achtsames Hinhorchen auf die Musik des Lebens.
4. Rituale flexibel und kreativ im Abschnitt «Opfern, darbringen, heiligen»:
In christlicher wie auch in buddhistischer Frömmigkeit gilt, was der Dalai Lama so treffend ausdrückt:
«Leid wird nicht überwunden, indem man es vermeidet,
sondern indem man Leid für andere auf sich nimmt.»«Opfere es auf!» heißt also, richtig verstanden:
«Nimm diesen Schmerz oder diese Mühe
aus Liebe für jemand anderen freudig auf dich!»
Kindern leuchtet das leicht ein. Denn welcher Schulbub hat sich nicht schon längst in die Rolle eines Prinzen hineingeträumt, der große Opfer freudig auf sich nimmt, um die Prinzessin zu befreien? Er ist also gerne bereit, die Zahnschmerzen für seine derzeitige Prinzessin «aufzuopfern» oder für alle leidenden Kinder.
Auch als Erwachsene kann es unser spirituelles Leben bereichern, wenn wir etwas Unangenehmes in eine liebevolle Geste verwandeln:
Ich schenke es dem Leben, vielleicht sogar
mit einem stillen Gebet verbunden.
Was genau vor sich geht, wenn ich die versalzene Suppe mit guter Miene esse und das «aufopfere» für hungernde Kinder, die sich über eine noch so versalzene Suppe freuen würden, das kann ich selber nicht erklären.
Aber ich weiß: Keine gute Tat geht jemals wirkungslos verloren. Und da alles mit allem zusammenhängt, darf ich hoffen, dass meine gute Absicht den Kindern irgendwie hilft. Dass sie mich selber freudiger macht, das kann ich jedoch fühlen.
Ich will nur nicht in den Irrtum verfallen, dass diese Art von «Aufopfern» genügen würde. Wenn ich tatsächlich Zeit «opfere», um der Bettlerin an der Straßenecke eine warme Suppe zu bringen und kurz mit ihr zu plaudern, dann ist es schon offensichtlicher, wie sehr dieses «Opfer» wirkt. (S. 157f.)]
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[1] Johann Wolfgang Goethe: «Wer nie sein Brot mit Tränen aß» («Harfenspieler»)

