LEBENSTHEMEN und SCHLÜSSELBEGRIFFE

LEBENSTHEMEN und SCHLÜSSELBEGRIFFE

Text von Br. David Steindl-Rast OSB

Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass Erlösung bedeute, nach dem Tod in den Himmel zu kommen. Doch das beruht auf einem verkümmerten Verständnis der vollen Bedeutung von Erlösung. (S. 172)

Das Wort «echt» fasst am besten zusammen,
was es bedeutet, erlöst zu sein.
Erlösung bedeutet einen Prozess,
dessen Ziel das «Echtwerden» ist.

Und Echt-Sein braucht nichts zu «bringen».
Es ist seine eigene Belohnung.

In dem klassischen Kinderbuch «Das Samtkaninchen» von Margery Williams (1881-1954) wünschen sich alle Kuscheltiere sehnlichst, «echt» zu werden.

«Tut es weh?», fragen sie das alte, weise Schaukelpferd.

«Manchmal», antwortet das Schaukelpferd, denn es ist immer ehrlich. «Aber wenn du echt bist, macht dir das nichts aus.» (S. 171)

Wie der Einzelne echt wird, sagt das Schaukelpferd in einem dichterischen Bild, das für Kinder und Erwachsene gleich verständlich ist und mehr aussagt als abstrakte Begriffe:

«Echtwerden hat nichts damit zu tun,
wie man gemacht ist»
,
sagte das Schaukelpferd.
«Es ist etwas, das dir geschenkt wird.
Wenn ein Kind dich lange Zeit liebt,
nicht nur zum Spielen, sondern
dich wirklich liebt – dann wirst du echt.»

Letztlich werden wir nur durch Liebe echt.
Wir werden nur durch Heilung unserer Beziehungen erlöst.

Menschliche Gesellschaft aber ist das Netzwerk dieser persönlichen Beziehungen. Auch die Gesellschaft muss also erlöst und echt werden. Daher beginnt Erlösung schon hier und heute – in diesem Leben.

Das Wesentliche an der Erlösung ist nicht,
dass wir «irgendwann» gerettet werden,
sondern dass wir Lebendigkeit und
Verbundenheit erfahren – im Hier und Jetzt.

Der indische Mystiker Kabir (ca.1440-1518) sagt es klar:

«Es gibt keinen Himmel, wenn er nicht auf Erden beginnt.»

Auch ich glaube: Gottes Reich ist ein Reich der Lebendigen, nicht ein fernes Jenseits. Jesus wollte das Reich Gottes auf Erden verwirklicht sehen.

Vielleicht haben wir es auf den Himmel verschoben, weil wir seine Verwirklichung auf Erden nicht ernstlich in Angriff nehmen wollen?

Aber auch wenn wir schon jetzt am Gottesreich auf Erden bauen, scheint es geradezu nach einer Vollendung zu schreien, die wir nur jenseits der Zeit erhoffen können.

Von diesem Gesichtspunkt aus gehört «In-den-Himmel-Kommen» zum vollen Verständnis von Erlösung. Das ist auch meine eigene große Hoffnung. (172f.)

Das Lebensziel des geschichtlichen Jesus war das Reich Gottes auf Erden. Das war ein Ziel in der Zeit. Aber das Gefäß der Zeit ist zu klein,
um die zugleich überzeitliche Wirklichkeit der Gottesherrschaft zu fassen. Obwohl wir hier auf Erden auf dieses Ziel hinarbeiten,
dürfen wir uns seine Vollendung jenseits der Zeit erhoffen.
Je älter ich werde, umso tröstlicher finde ich diesen Gedanken.
Er drückt aus, was ich mir jenseits des Todes erhoffe.
(S. 164)

[Obiger Text ist dem Buch Worauf es letztlich ankommt: 100 Fragen – 100 Antworten (2026) entnommen]

[Ergänzend:

1. Das Vaterunser (2022): ‹Erlösung und Befreiung›: Gespräch von Brigitte Kwizda-Gredler mit Bruder David, 105f.; siehe auch Erlösende Kraft:

Bruder David: «Weg» ist da ein ganz wichtiges Stichwort. Noch bevor die Christen als solche bezeichnet wurden, waren sie als die «Weggemeinschaft» oder «die Leute, die auf dem Weg sind» bekannt. Damit war der Weg der Erlösung gemeint. Sie nannten ja auch Jesus nicht nur den «Erlöser», sondern auch den «Weg» – den Weg in die Freiheit, könnten wir sagen. Das Ziel dabei ist die Freiheit. Dieses Wort drückt besser aus, was mit Erlösung eigentlich gemeint ist, nämlich Befreiung. Stetig voranzuschreiten führt uns aber zu immer größerer Freiheit.

Brigitte: Schon das Wort «Weg» weist ja darauf hin, dass es sich um einen lebenslangen Übungsweg handelt. Und dabei können uns die drei Tugenden «Glaube, Liebe und Hoffnung» wichtige Wegweiser sein.

Bruder David: Verbundenheit befreit. Und gläubiges Vertrauen verbindet uns mit dem Großen Geheimnis.

Hoffnungsvolle Bereitschaft,
Schritt für Schritt authentischer zu werden,
verbindet uns mit unserem wahren Selbst.

Und unser liebendes Ja zur Zugehörigkeit verbindet uns mit allen Lebewesen.

Diese drei Bande der Verbundenheit aber zerreißt die Sünde.

Erlösung aber erleben wir – als Gabe und Aufgabe zugleich – in drei Formen der Verbundenheit.

Der Glaube befreit unser Herz durch Vertrauen auf die absolute Vertrauenswürdigkeit Gottes.

Die Hoffnung erlöst uns durch die Offenheit für Überraschung auf jedem Schritt des Weges.

Und die Liebe heilt uns durch die Herzenswärme, mit der wir das Ja Gottes empfangen und tatkräftig weiterschenken.

Letztlich geht es um das «Wirklichwerden»,
dieses Wort fasst eigentlich das Wesen
von Erlösung am besten zusammen.

In dem klassischen Kinderbuch von Margery Williams «The Velveteen Rabbit», das es als «Der Samthase» auch auf Deutsch gibt, reden bei Nacht die Puppen und Teddybären über ihren sehnlichsten Wunsch: wirklich zu werden.

«Tut Wirklichwerden weh?» fragen sie das alte, erfahrene Schaukelpferd. Das aber weiß: Einem, der wirklich wird, macht es nichts aus, dass das wehtut.»

2. Festival «Die Kraft der Visionen» (1991)
Audio 2.1 ‹Der Weg zu Fülle und Nichts› und die
Mitschrift:
(14:14) Ankommen im Jetzt, das nicht vergeht (Nunc stans)

Wir können uns ja fragen: Wo sind wir denn wirklich?
Wir sehnen uns darnach, echt zu sein,
wirklich zu sein:
Wo können wir wirklich sein? ‒ Nur im Jetzt.
]



Quellenangaben

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