Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Wir brauchen ein zeitgemäßes Gottesverständnis: Ein solches ist nicht schwer zu finden. (S. 49)
Die Auseinandersetzung mit dem Großen Geheimnis ist ein grundlegendes Merkmal des menschlichen Geistes. (S. 59)
Das Unbegreifliche, das uns auf unserer tiefsten Seinsebene ergreift, das ist das Große Geheimnis. (S. 55)
«Das Große Geheimnis»
ist ein ganz einzigartiger Begriff, ein Begriff nämlich, der die Begreiflichkeit dessen sprengt und leugnet, worauf er hinweist. «Geheimnis» – auch «Mysterium» – im spezifisch religiösen Sinne ist nicht etwas Vages, sondern uns allen aus Erfahrung bekannt.
Auf Grund allgemeiner Erfahrung ist «Geheimnis» eine Wirkkraft, die wir intellektuell nicht erfassen, wohl aber verstehen können, wenn sie ihrerseits uns erfasst.
Wichtig ist hier die Unterscheidung zwischen
begreifen und verstehen
als zwei sich ergänzenden Formen des Erkennens.
Die Botschaft von Musik zum Beispiel ist etwas, was wir nicht mit logischen Begriffen erfassen können, aber wir können Musik verstehen, wenn sie uns packt, bewegt und ergreift.
Ein musikalisches Erlebnis kann selber manchmal auf tieferer Ebene zur Begegnung mit dem Geheimnis werden, das als Kraft im Innersten dessen wirkt, was wir hören, und zu unserem innersten Herzen spricht.
Aber nicht nur unser Gehör, sondern alle unsere Sinne können wir darin üben, offen und empfänglich zu werden für die geheimnisvolle Kraft im tiefsten Grund aller Wirklichkeit. Wenn wir dadurch dem Großen Geheimnis gestatten, unser Herz zu berühren, dann erst kann unser Leben seine volle Tiefe freudig ausloten.
Was kaltes, intellektuelles Zugreifen erfasst, wird durch Verstehen vom Gefühl angereichert und so in Weisheit verwandelt.
Der Mystiker Bernhard von Clairvaux drückt das so aus:
«Begriffe machen wissend; Ergriffenheit macht weise.» (S. 54f.)
Das innerste Geheimnis des Seins ist in jedem Seienden gegenwärtig.
Nichts lässt uns tiefer erschaudern als die Entdeckung,
dass jeden Augenblick alles, was es gibt,
aus reiner Möglichkeit ins Dasein springt. (S. 65)
Wir selber können uns dessen bewusst werden, dass das Dasein uns geschenkt ist – besonders dann, wenn wir fühlen, dass wir am liebsten nicht wären. Es gibt uns, ob wir es wollen oder nicht.
Jenes «ES» aber,
von dem wir –
und alles, was es gibt –
das Dasein empfangen,
nennen wir das Große Geheimnis,
das uns zugleich als Ur-Du erfahrbar wird,
wenn wir uns ihm vertrauensvoll aufschließen. (S. 65)
Ich gebe gerne zu, dass eine agnostische Zurückhaltung gegenüber allen Aussagen über Gott stets berechtigt bleibt. Nichts, was wir über Gott aussagen, ist ja von Bedeutung oder Nutzen, es sei denn, wir können es mit unserer persönlichen Erfahrung des Großen Geheimnisses in Verbindung bringen. (S. 69).
«Gott» ist nicht Erfindung, sondern Entdeckung. Diese Entdeckung geht in zwei Schritten vor sich. Im ersten Schritt erleben wir das Große Geheimnis; im zweiten Schritt wird uns bewusst, dass wir zu dieser Wirklichkeit eine tiefe persönliche Beziehung haben können, und erst dann sprechen wir vom Großen Geheimnis als «Gott». (S. 70)
Was bei dem Wort «Gott» entscheidend mitschwingt,
ist eine persönliche Beziehung zum Geheimnis,
dem wir Menschen gegenüberstehen. (S. 69)
Das deutsche Wort «Gott» hat die Wurzelbedeutung von «anrufen». Es scheint ursprünglich «das Angerufene» bedeutet zu haben, ist also ein sächliches Hauptwort, das auf das Ehrfurcht erregende letzte Geheimnis des Lebens hinweist, das wir Menschen seit unseren frühesten Tagen angerufen haben.
«Anrufen» setzt die Erwartung einer Antwort voraus. Daher ist persönliche Beziehung von Anfang an der wesentliche Inhalt dieses Begriffes.
Das Wort «Gott» steht also für das Große Geheimnis des Seins
und des Lebens unter dem besonderen Aspekt,
dass wir Menschen mit dieser letzten Wirklichkeit
in eine tiefe persönliche Beziehung treten können. (S. 50)
Bei Gipfelerlebnissen oder wenn uns Ehrfurcht ergreift, kann uns ein grenzenloses Gegenüber bewusst werden, dem wir in jedem begrenzten Gegenüber begegnen und mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Viele Atheisten tun das ja auch durch ihr ethisches Verhalten. Dieses ist ja eines der schönsten Zeugnisse unserer angeborenen Religiosität. (S. 69)
Ähnlich wie zwischenmenschliche Beziehungen will unsere Gottesbeziehung immer neu erforscht und gepflegt werden. Das ist eine zutiefst persönliche Aufgabe, zugleich aber auch die große gemeinschaftliche Aufgabe aller menschlichen Kultur. (S. 70)
Atheisten bestreiten, was andere von Gott behaupten. Mit anderen Worten, sie leugnen einen Gott aus zweiter Hand. Ihre eigene Erfahrung von «Gott» können sie aber nicht leugnen, denn das ist die Begegnung mit dem Geheimnis des Lebens, und diese lässt sich nicht vermeiden. Ein Mensch, der das Große Geheimnis leugnet, ist wie ein Fisch, der behauptet, dass es Wasser nicht gibt. (S. 69)
Was unseren vertrauensvollen Umgang mit dem lebendigen Gott, dem Mysterium des Lebens, behindert, sind die Bilder und Vorstellungen von Gott, die uns andere – mit bester Absicht – eingetrichtert haben. Dies rechtfertigt zwar die Parole «Weg mit dem Gott aus zweiter Hand!», wir werden jedoch gut daran tun, unsere Erfahrung von Gott aus erster Hand zu bereichern, indem wir den Schatz an Erfahrungen jener gut nutzen, die in der Vergangenheit vom göttlichen Geheimnis ergriffen waren. (S. 63)
Sobald wir zwischen Gott aus erster Hand und aus zweiter Hand unterscheiden und klarstellen, dass es uns um persönliche Erfahrung geht, dürfen wir erwarten, dass auch Atheisten und Agnostiker wertvolle Beiträge leisten können bei der großen Aufgabe, die uns gemeinsam gestellt ist, nämlich ein zeitgemäßes Gottesbild zu schaffen.
Von diesem großen Unterfangen sagt Rilke:
«Wir bauen an dir mit zitternden Händen
und wir türmen Atom auf Atom.
Aber wer kann dich vollenden,
du Dom.»(R. M. Rilke, Das Stundenbuch) (S. 70)
Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens begegnen Menschen aller Zeiten dem Geheimnis immer wieder auf dreifache Weise:
Die christliche Tradition ist diesen drei Aspekten des Geheimnisses mit besonderer Klarheit in ihrer Lehre von Gott als «dreieinig» nachgegangen. Ihre Einsichten können allen ernsthaft nach dem Sinn des Lebens Suchenden Hilfe bieten.
Christlicher Glaube ist Vertrauen auf Gott
als «Vater» und Urquell von Sein und Leben.
Aus dessen abgründigem Schweigen quillt das Wort hervor: «der Logos»,
der durch alles, was es gibt,
im Leben jeden Augenblick zu uns spricht.
Wenn wir die Ohren unseres Herzens öffnen, können wir die Botschaft des Lebens empfangen – in «Heiligem Geist», dem Geist des Verstehens,
der uns auch die Kraft gibt, in Liebe tatkräftig zu antworten.
All dies ist offensichtlich weitaus mehr als abstrakte Spekulation: Es betrifft unsere Beziehung zu dem Gott, in dem
«wir leben, uns bewegen und unser Sein haben» (Apg 17,28).
Die Lehre von Gott als «dreieinig» ist daher ein Programm für radikales Lebendig-Werden. (S. 59f.)
[Obiger Text, wie auch in Ergänzend, ist dem Buch: Worauf es letztlich ankommt: 100 Fragen – 100 Antworten (2026) entnommen]
[Ergänzend:
1. Maria – Gottes Mütterlichkeit
Das vorherrschende jüdisch-christliche Gottesbild ist einseitig männlich und stellt daher das Große Geheimnis auf verarmte, verzerrte Weise dar.
Unsere angeborene religiöse Sensibilität spürt aber dieses Ungleichgewicht und versucht instinktiv, es auszugleichen.
Sie übersteigert also das Marienbild, bis es praktisch zu einem weiblichen Gottesbild wird.
Solange wir bedenken, dass kein Bild dem unvorstellbaren Mysterium gerecht werden kann, können wir diese Entwicklung insofern begrüßen, als sie eine ausgewogenere und bereicherte Gottesbeziehung ermöglicht.
Von der «Gottesmutter» als der Apotheose Mariens könnten wir sagen, dass sie sich in ähnlicher Weise zur geschichtlichen Mutter Jesu, zu Maria, verhält, wie Jesus Christus zum geschichtlichen Jesus.
Ein nüchterner und zugleich ehrfürchtiger Blick wird in beiden Fällen Samen und aufgereihte Frucht unterscheiden, ohne zu trennen. Wenn es uns gelingt, in der «Gottesmutter» «Gottes Mütterlichkeit» zu sehen, dann wird Marienfrömmigkeit durchscheinend für das Große Geheimnis und kann uns ungeahnten inneren Reichtum zugänglich machen. (S. 68)
2. Monotheismus – Polytheismus
Wir werden gut daran tun, beide Begriffe zu vermeiden, da sie beide irreführend sind. Monotheismus legt das Missverständnis nahe, dass einer der vielen Götter des Polytheismus der einzig Wahre sei.
Richtig verstanden, geht es aber bei «Gott» und «Göttern» um zwei unvergleichbare Begriffe. «Gott» lässt keine Mehrzahl zu, denn das Wort verweist, wie wir immer wieder sagen, auf das innerste Geheimnis des Seins.
«Gott», so verstanden, ist aber völlig vereinbar mit der Verehrung von «Göttern», etwa als Personifikationen von Naturkräften.
Der nordische Gott Thor war der Donner und lebt noch in unserem Donnerstag weiter.
Auch hochgeschätzte Eigenschaften können als Götter personifiziert werden; der Hindu-Gott Hanuman etwa ist die Hingabe.
Der Völkerkunde sind auch polytheistische Kulturen bekannt, die außer ihren Göttern Gott als eine unvergleichlich andere Wirklichkeit verehren – und zwar nicht als «den Höchsten der Götter», sondern als das Göttliche in allen Wesen – von Felsen bis zu Gottheiten.
Die Lakota zum Beispiel nennen diese Wirklichkeit «Wakan Tanka», was auch als «das Große Geheimnis» übersetzt wird. (S. 53f.)
3. Fremde Gottesbilder und unsere «Götzen»
«Gott» ist ein anderes Wort für «das Große Geheimnis», von dem wir nur in dichterischer Sprache und in mythischen Bildern sprechen können. Unterschiedliche Kulturen werden dabei selbstverständlich verschiedene Redeweisen und Bilder verwenden. «Götzen» nennen sie dann häufig einfach die der eigenen Tradition fremden Gottesbilder. In diesem Sinne ist das Wort zu vermeiden, denn es bezeugt engstirnige Ablehnung von Fremdem. In einem anderen Zusammenhang aber ist der Begriff «Götzen» berechtigt.
Beim Wort «Gott» schwingt die Bedeutung höchster Autorität mit, eine schwerwiegende Einsicht also: Persönliches und gesellschaftliches Handeln kann nur dann gesund und fruchtbar werden, wenn es auf das Große Geheimnis ausgerichtet ist, also auf Gott.
Wir können das auch so ausdrücken: Eine heile Welt muss von der Natur lernen, alle ihre Systeme naturgerecht zu organisieren und zu gestalten.
Damit sagen wir das Gleiche, denn unter Gott, dem Großen Geheimnis, verstehen wir ja auch die ordnende Kraft im Innersten aller Lebendigkeit.
Wenn eine Gesellschaft gegen die Autorität dieser Kraft verstößt, dann zerstört sie sich selbst. Was sie dann anstatt Gott praktisch zur höchsten Autorität erhebt, nennt man mit Recht «Götzen» – Macht, Profit, Konsum, Aufrüstung, wirtschaftliche und militärische Vorherrschaft, Wohlstand auf Kosten anderer.
Im Privatleben entspricht der naturgerechten Gestaltung der gesellschaftlichen Ordnung die Integrität – Echtheit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit.
Sie beweist sich dadurch, dass wir uns der eigenen Menschenwürde bewusst sind und diese Menschenwürde auch allen anderen zugestehen.
Aber so wie unsere Gesellschaft durch Götzen bedroht wird, so sind auch wir als Einzelne bedroht – durch Götzen wie Geld, Macht, Prestige, Vergnügen, Gleichgültigkeit usw.
Halbherziges Lebensvertrauen
erlaubt nur halbe Lebendigkeit.
Darum ist für ein erfülltes Leben die Frage so entscheidend:
Worauf setze ich letztlich mein Vertrauen,
auf Gott oder Götzen? (S. 52f.)]

