Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Wir Menschen sind von Natur aus religiös. Unser menschliches Bewusstsein reicht in eine geheimnisvolle Tiefe hinab, in der wir eins und geeint sind mit der ganzen Wirklichkeit und ihrem innersten Geheimnis. Das ist unsere Religiosität. Sie ist eine Grundeigenschaft der menschlichen Psyche.
So weit wir Geschichte und Vorgeschichte zurückverfolgen können, haben Menschen schon das Bedürfnis verspürt, diese Religiosität in Formen auszudrücken, die ihrer säkularen Kultur entlehnt waren. Aus diesem Bedürfnis sind die verschiedenen Religionen entstanden. Infolge der Verschiedenheit der Kulturen unterscheiden sich notwendigerweise auch die Religionen.
In allen Religionen drückt sich aber die eine,
uns alle verbindende Religiosität aus.
Daher unsere Definition:
Religion ist der Ausdruck
allgemeinmenschlicher Religiosität
in den kulturellen Formen einer bestimmten Zeit
an einem bestimmten Ort.
Die Unterscheidung zwischen Religion und Religiosität ist von großer Tragweite.
Das lateinische Wort «religio», von dem beide deutschen Wörter abstammen, wird oft mit dem Wort «religare» – «wieder-verbinden» – in Zusammenhang gebracht, was treffend darauf hinweist, worum es geht:
Das Ziel jeder Religion ist es, zerstörte Beziehungen wiederherzustellen, die uns miteinander, mit unserem wahren Selbst und mit dem göttlichen Geheimnis verbinden.
Das kann sie aber nur erreichen, wenn sie auf die natürliche Kraft der Religiosität achtet, die allen Religionen zugrundeliegt und sie verbindet. (S. 22)
Wir können uns unsere gemeinsame menschliche Religiosität als ein riesiges Grundwasserreservoir vorstellen, dann sind Religionsstifter Brunnenbauer.
Sie alle zapfen denselben Grundwasserspiegel an, aber die von ihnen gebauten Brunnen – Lehren, moralische Regeln und Rituale, die «lebenspendendes Wasser» verfügbar machen – unterscheiden sich voneinander, denn sie sind von den spirituellen Bedürfnissen zur Zeit der Religionsgründung geprägt und von der damaligen Kultur beeinflusst.
Dieses Bild ist allerdings zu sehr vereinfacht. Die sogenannten Gründer gaben den Anstoß, er hätte aber kaum zu etwas geführt, wenn nicht eine Gemeinschaft ihn aufgegriffen hätte. Meist arbeiteten viele Unbekannte am Bau des Brunnens mit und er wurde auch im Lauf der Geschichte immer wieder umgebaut und neuen Bedürfnissen angepasst. (S. 23)
Jede Religion hat ihre Stärken und ihre Schwächen, je nachdem wie unverfälscht sie die uns Menschen angeborene Religiosität in den Formen ihrer Kultur ausdrückt.
Ich hatte das große Glück,
das Christentum als kongeniale Form
meiner angeborenen Religiosität zu erleben.
Dies wäre vielleicht auch bei einer anderen Religion der Fall gewesen, wäre ich in eine andere Kultur hineingeboren worden.
Tatsächlich habe ich auch im Laufe meines Lebens mit anderen Traditionen tiefe Resonanzen gefunden, insbesondere mit den taoistischen Elementen im Zen-Buddhismus, und ich fühle mich frei, mich auch von ihren Lehren inspirieren zu lassen.
Mir ist jedoch klar, dass auch ein langes Leben zu kurz ist, um den Reichtum meiner eigenen katholisch-christlichen Tradition voll auszuschöpfen.
Da ich alle Traditionen als Brunnen ansehe, die Wasser aus demselben unterirdischen Reservoir schöpfen, folge ich gerne dem Rat von Swami Satchidananda:
«Verschwende keine Zeit und Energie,
neue Brunnen zu graben.
Wenn du auf Wasser stoßen willst,
grabe am selben Loch weiter!» (S. 27)
Geschichtlich können wir die christliche Tradition auf jene kleine jüdische Gemeinde in Jerusalem zurückführen, die zur Mitte des ersten Jahrhunderts an Jesus Christus als den erwarteten Messias glaubte. Und wir können noch einen Schritt weiter zurückgehen zu den Jüngern Jesu in Galiläa, die offenbar die Kerngruppe dieser Gemeinde in Judäa bildeten.
Damals hießen sie einfach die Leute, «die dem Weg folgen».
Erst nach Tod und Auferstehung Jesu, als seine Anhänger sich auf andere Städte auszubreiten begannen, fing man an, sie «Christen» zu nennen.
Damals bezeichnete der Begriff «Kirche» noch eine lokale, christliche Gemeinde.
Als St. Ignatius, Bischof von Antiochien, in einem Brief um 110 nach Christus das Netzwerk aller Ortskirchen mit einem Begriff für seine Gesamtheit bezeichnen wollte, wählte er das griechische «katholikos» (allumfassend), sprach also von der katholischen Kirche.
Bald wurde der Begriff «katholisch» auf jenen Teil der Ortskirchen eingeengt, der an den traditionellen Lehren festhielt, um so die «orthodoxen» (rechtgläubigen) von sogenannten «häretischen» Gruppen zu unterscheiden, die älteren Meinungen widersprachen.
St. Vinzenz von Lérins, ein Mönch des 5. Jahrhunderts, legte drei weithin anerkannte Kennzeichen dafür fest, was als «katholisch» gelten darf, nämlich
«was überall, immer und von allen geglaubt wurde.»
Wenn wir diesen genialen Test konsequent anwenden, dann besteht ihn eigentlich nur die allen Menschen gemeinsame Religiosität. In ihr liegen dann auch – psychologisch betrachtet – die frühesten Ursprünge der katholischen Lehre.
Die christliche Religion – und jede andere auch – ist insofern «katholisch», als sie allgemein menschlicher Religiosität nicht widerspricht, sondern sie auf ihre eigene einzigartige Weise entfaltet. Diese Erwägungen geben dem durch geschichtliche Umstände verengten Begriff «katholisch» seine volle Bedeutung zurück. Das kann sich auch für den interreligiösen Dialog als hilfreich erweisen. (S. 99f.)
Viele Menschen geben den Worten «Glauben» und «Vertrauen» eine sonderbare Bedeutung, wenn sie sich auf die Kirche beziehen – sie bedeuten plötzlich «blinde Hörigkeit».
Blinde Gläubigkeit ist für den gesunden Menschenverstand immer Unsinn, nicht nur der Kirche gegenüber. Für ein gesundes menschliches Zusammenleben aber ist es unerlässlich, allen Menschen mit vertrauensvoller Haltung zu begegnen, solange sich nicht zeigt, dass sie das nicht verdienen. In Zusammenhang mit den jetzt weit publizierten kirchlichen Missbrauchsfällen haben leider allzu viele kirchliche Amtsträger dieses Vertrauen enttäuscht. Etwas verspätet gesteht die Kirche selbst jetzt diese Verfehlungen ein und versucht, damit ehrlich umzugehen.
Vielleicht darf ich autobiographisch meine Einstellung zu Glauben und Vertrauen der Kirche gegenüber kurz darstellen. Aus eigener Erfahrung kann ich dankbar bezeugen, dass es ein großes Geschenk sein kann, in eine kirchentreue Familie hineingeboren zu werden und eingebettet in die kirchliche Tradition aufwachsen zu dürfen. Manche Menschen erleben das allerdings als beengend und belastend, was mir und anderen Halt und hohe Werte schenkte. Was den Unterschied ausmacht, ist wohl, dass Kirche und Glaube in der Erziehung recht verschieden verstanden und vermittelt werden können.
Ich hatte das große Glück, dass bei uns zuhause und in den ersten Klassen des Gymnasiums – der Neulandschule in Wien – die Haltung der Kirche gegenüber liebend respektvoll war, zugleich aber wach und kritisch. Meine Eltern und Lehrer vermittelten uns Kindern Dankbarkeit für das Erbe der uralten kirchlichen Tradition, für ihr erhabenes Lehrgebäude, für die begeisternden Vorbilder ihrer Heiligen und für die vielfältigen Fast- und Festzeiten, die wir mitfeiern durften.
Zugleich aber wurde der Kirche niemals unfehlbare Autorität zugeschrieben, sondern es wurde ganz offen über Verirrungen wie die Hexenverfolgungen, die Kreuzzüge oder die Dekadenz der Renaissancepäpste gesprochen.
Lehren – ob von der Kirche, von unseren eigenen Lehrern oder von anderswo – unhinterfragt zu glauben, kam in der intellektuellen Erziehung, die uns zuteil wurde, einfach nicht in Frage und hätte als Denkfaulheit gegolten.
Das kam uns schon bald zugute, denn ab 1938, meinem 12. Lebensjahr, wurden wir im Geschichtsunterricht systematisch belogen. Unser politischer Widerstand war von Treue zur verfolgten Kirche befeuert. Trotzdem setzten wir uns schon damals über den «Index», die lange Liste der kirchlich verbotenen Bücher, hinweg. Dieses Verbot konnte für selbständig denkende Menschen nicht gelten; das musste gar nicht erst erwähnt werden.
Und auch nach 1945 und dem Ende der Schreckenszeit waren wir aus Überzeugung kirchentreu, setzten uns jedoch zugleich über kirchliche Verordnungen hinweg, wenn sie uns ungerecht erschienen.
So arbeiteten wir zum Beispiel mit der kommunistischen Studentengemeinde an sozialen Projekten zusammen, obwohl uns von der Kirche jede Zusammenarbeit streng verboten war.
Diese Jugenderinnerungen erwähne ich hier, weil mir unsere damalige aufgeklärte Art, der Kirche zu vertrauen und zu glauben, was sie lehrt, zeitlebens – auch als Mönch – geholfen hat und ich sie mit Überzeugung empfehlen kann. (S. 100-102)
[Obiger Text, wie auch in Ergänzend, ist dem Buch: Worauf es letztlich ankommt: 100 Fragen – 100 Antworten (2026) entnommen]
[Ergänzend:
1. Ist das Christentum immer noch die ‹die einzig wahre Religion›?
Wir müssen uns zunächst fragen: Was ist mit dem Wort von der «einzig wahren Religion» gemeint? Nach meinem Verständnis kann nur eines als die einzig wahre Religion bezeichnet werden, das ist die uns allen angeborene Religiosität. Damit meine ich die unvermeidliche Begegnung und Konfrontation mit dem innersten Geheimnis des Lebens, der wir im Alltag zwar oft ausweichen, der wir aber nie vollständig entgehen können.
Solche Religiosität jedoch ist eben keine Religion, sondern die Grundlage aller Religionen.
Einzelne Religionen können insofern als «wahr» gelten, als sie unsere Beziehung zu diesem Geheimnis erleichtern, ausdrücken und weiterführen.
Es ist lächerlich arrogant, wenn eine Religion behauptet, «die einzig wahre Religion» zu sein – und gefährlich ist es auch, weil dies Konkurrenz herausfordert, die bis zu Religionskriegen führen kann.
Das Ziel jeder Religion sollte es sein,
immer mehr «wahre Religion» zu werden.
Das bedeutet, kulturelle Formen, die sie von anderen Religionen unterscheidet, immer transparenter zu machen für jene grundlegende Religiosität, die sie mit allen verbindet.
Zum Beispiel müsste die christliche «Erforschung Gottes» als «Trinität» so ausgedrückt werden, dass sie zumindest ansatzweise auch in und von anderen Traditionen entdeckt werden kann.
Trotz ihrer uns heute schwer zugänglichen philosophischen Terminologie hat die Trinitäts-Theologie bahnbrechende mystische Einsichten für spirituell Suchende ans Licht gebracht.
Denn in ihrer Auswirkung auf unser Weltbild hat sie sowohl den Dualismus als auch den Monismus überwunden und macht lebendige Beziehung zum Ausgangspunkt für alles.
Was hier auf dem Spiel steht, geht weit über den Intellekt hinaus: Es geht um unser Bewusstsein, vom und im und durch das Geheimnis zu leben. (S. 25f.)
2. Gilt nicht der Satz: «Ethik ist wichtiger als Religion»?
Diese Frage wirft ein Buch des Dalai Lama auf. Schon der Titel lautet: Ethik ist wichtiger als Religion. Der Dalai Lama stellt fest: «Wir kommen nicht als Mitglied einer bestimmten Religion auf die Welt. Aber Ethik ist uns angeboren.» Diese angeborene Ethik ist ein wesentlicher Aspekt dessen, was wir in diesem Buch unsere «angeborene Religiosität» nennen.
Ethik ist unsere Religiosität, insofern sie auf die «Goldene Regel» hinweist und so unseren Umgang miteinander lenkt.
Sobald sich die allgemeingültige Ethik der Religiosität in dieser oder jener Religion ausdrückt, passt sie sich kulturellen Vorstellungen an und drückt sich deshalb in Verhaltensvorschriften aus, die nicht mehr allgemein verbindlich sein müssen.
Nicht selten handelt es sich leider sogar um kulturelle Vorurteile.
Da aber das Überleben der Menschheit heute von gemeinsamem Handeln abhängt, ist es unerlässlich geworden, auf gemeinsame ethische Grundsätze zurückzugreifen, bevor ihre Allgemeingültigkeit durch die Sichtweise dieser oder jener Religion gefiltert wird. Wer kann da dem Dalai Lama widersprechen? (S. 33)
3. Gibt es überhaupt Wahrheit? Ist nicht alles relativ?
Alle Aussagen sind relativ, weil sie stets von diesem oder jenem Standpunkt aus, unter dieser oder jener Perspektive gemacht werden.
Was aber ausgesagt wird, kann wahr oder falsch sein. Menschen, die im Kreis um eine Statue stehen und berichten, was sie sehen, werden je nach ihrem Standort unterschiedliche Aussagen machen. Je nach ihrer subjektiven Aufmerksamkeit können diese Aussagen relativ wahr oder falsch sein. Das ändert aber nichts an der objektiven Tatsache, dass etwas da in ihrer Mitte steht.
Wir müssen eben unterscheiden zwischen realistischer Anerkennung von Relativität und der Ideologie des Relativismus, der behauptet: Es gibt keine absolute Wahrheit!
Da man absolute Wahrheit nicht mit absolutem Wahrheitsanspruch leugnen kann, widerspricht diese Leugnung sich selbst.
Was gültig bleibt, ist die realistische Intuition, dass menschliches Fassungsvermögen für absolute Wahrheit immer relativ bleibt und daher unsere Aussagen immer nur relativ wahr sind.
In diesem ernüchternden Eingeständnis liegt aber zugleich der Ansporn, uns gemeinsam zu bemühen, die Wahrheit immer klarer zu erkennen, sie allgemein verständlich auszudrücken und gemeinsam danach zu handeln.
Relativismus verliert sich heute in bodenloser individualistischer Orientierungslosigkeit; Anerkennung der Relativität dagegen könnte uns erkennen lassen, welche Bereicherung die Vielfalt unserer Perspektiven für uns alle darstellt. (S. 28)
4. Warum gibt es in der Geschichte so viele «religiöse› Kriege»?
Der Ausdruck «religiöser Krieg» ist in sich selbst schon so widersprüchlich wie etwa «Weißer Rappe».
Er weist jedoch auf eine historische Tatsache hin: Unzählige Kriege wurden durch religiöse Konflikte entzündet und von religiösem Eifer befeuert. Religiöse Überzeugungen bieten kraftvolle, tiefgreifende Motive zu handeln, und Kriegshetzer haben gelernt, diese Motive für ihre Zwecke zu missbrauchen. Allzu viele Vertreter der Religionen spielen dabei den «Hohen und Mächtigen» in die Hände, weil sie sich's mit ihnen nicht verderben wollen. Ja, aus engstirnigem Patriotismus segnen sie sogar Kanonen.
Oft ist das darauf zurückzuführen, dass Buchreligionen die heiligen Texte wörtlich nehmen und exklusiv interpretieren - zum Beispiel, das Bild vom «auserwählten Volk». Ein solcher Fundamentalismus kann äußerst gefährlich werden und zu gewalttätigen Maßnahmen zur Verteidigung der «Wahrheit» führen.
Krieg entzweit, Religiosität verbindet.
Alle Religionen stimmen mit der «Goldenen Regel» überein, weil sie alle in diesem zentralen Punkt aus der allgemein menschlichen Religiosität schöpfen:
«Was du nicht willst, dass man dir tu,
das füg auch keinem andren zu!»
Alle Religionen gemeinsam könnten also eine Weltmacht darstellen, die Krieg für immer verhindert. Es ist eine Schande, dass wir das noch nicht erreicht haben, und wir dürfen nicht aufhören, darauf hinzuarbeiten. (S. 29)]

