Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Bruder David, was würdest du jungen Menschen heute raten?
Wenn du ein gerahmtes Bild an die Wand hängen willst, beginnst du nicht mit Bild, Nägeln und Hammer, sondern du beginnst damit, dir vorzustellen, wie am Ende alles aussehen soll, damit es dir gefällt.
So willst du dir wohl auch bei dieser Frage zunächst klarmachen, was du am Ende erreichen willst. Du wünschst dir sicher ein gelungenes Leben, das heißt ein Leben, das Sinn hat.
Daher ist es wichtig, klar zu unterscheiden zwischen Sinn und Zweck. Um einen Zweck zu erreichen, musst du arbeiten. Sinn hingegen findest du in allem, was dir Freude macht.
Deine erste Frage soll also wohl sein: Was freut mich wirklich so aus tiefstem Herzen? Was lässt mich so richtig lebendig werden?
Wo du Freude, Staunen, Mitgefühl oder inneren Frieden spürst – dort berührt dich etwas vom tiefsten Grund des Lebens, also auch des Glaubenslebens. Unser Glaubensleben beginnt nicht im Kopf, sondern im Herzen und dreht sich nicht um Glaubenswahrheiten, sondern um immer wieder neu gewonnenes Lebensvertrauen.
Nur wenn wir lernen, uns vom Leben durch alle Zweifel und Ängste immer wieder furchtlos und vertrauensvoll hindurchtragen zu lassen, dürfen wir hoffen, Erfüllung unserer tiefsten Sehnsucht zu finden und durch unsere eigene Lebensfreude rund um uns Freude zu verbreiten. Dieses Ziel zu erreichen, wird viel Geduld und zähe Ausdauer von dir verlangen. Ein gelungenes Leben ist aber dieser Mühe fraglos wert.
Lass dich von Liebe leiten, nicht von Angst. Religiöse Belehrungen können Angst machen: «Du sollst», «Du musst», «Du darfst nicht».
Was aber echte Glaubenswege von Irrwegen unterscheidet, ist Liebe – zu Gott, zu dir selbst und zu deiner ganzen Mitwelt und Umwelt. Hier ist die Liebe gemeint, die wir als «das freudig gelebte uneingeschränkte Ja zu unbegrenzter Zugehörigkeit» definiert haben. Wenn etwas diese Liebe fördert, bist du auf einem rechten Weg.
Auch würde ich dir raten, Stille zu suchen und unbedingt stille Augenblicke in deinen Alltag einzubauen. In unserer ohrenbetäubend lauten Welt ist Stille etwas höchst Kostbares. Du brauchst sie, um deine innere Stimme zu hören und überhaupt erst zu erkennen, was deine Sehnsucht ist und die tiefste Freude, nach der du suchst.
Je mehr du dem Leben wirklich vertraust, umso glücklicher wirst du sein. Und wie sollten wir dem Leben nicht vertrauen?
Wir könnten keine Stunde überstehen, wenn nicht unzählige Vorgänge in unserem Körper uns am Leben erhielten. Vorgänge, die nicht unter unserer Kontrolle stehen, ja, die wir meist nicht einmal kennen. Und was so für unsere physische Lebendigkeit gilt, das gilt auch für unsere psychische: Das Leben selbst steuert sie – mehr, als uns bewusst ist.
Und das Leben meint es immer gut mit uns.
Je mehr du das einsiehst, umso mehr wirst du alles, was das Leben dir bringt, als Geschenk erkennen und dafür dankbar sein.
Freilich kann man nicht für alles dankbar sein. Aber wir können doch in jedem Augenblick des Lebens dankbar sein, denn das eigentliche Geschenk im Innersten jedes Geschenkes ist Gelegenheit und eine solche schenkt uns jeder Augenblick.
Meist ist es die Gelegenheit, uns zu freuen.
Aber auch unerwünschte Geschenke, für die wir als solche nicht dankbar sein können, bringen uns Gelegenheit – z. B. die Gelegenheit, Neues zu lernen – und dafür können wir dankbar sein.
Diese Dankbarkeit aber ist der Schlüssel zur Lebensfreude.
Es ist ja nicht Glück, das uns dankbar macht,
sondern Dankbarkeit macht uns glücklich.
Viele Menschen, die alles haben, was glücklich machen könnte, sind doch undankbar und deshalb unglücklich. Andere, die ein schweres Leben haben, sind dennoch dankbar und strahlen Freude aus. Solche Menschen kennen wir wohl alle.
Freilich gibt es ein riesiges Hindernis für freudig dankbares Leben: das Anspruchsdenken. Bitte vergiss nie:
Das Leben schuldet dir nichts!
Alles ist Geschenk.
Freue dich daran
und schenk die Freude weiter.
Eine große Herausforderung wird deiner Denkkraft gestellt werden, ganz unabhängig davon, wie dein Leben sich gestaltet. Sie stellt sich heute allen denkenden Menschen:
Wir müssen den Materialismus hinterfragen.
Der grundlegende Irrtum materialistischen Denkens ist zwar gar nicht so schwer zu durchschauen, wird aber von der vorherrschenden Gesellschaft nicht mehr hinterfragt. Er steht der Sinnfindung so sehr im Wege, dass er das Leben jedes Einzelnen sowie der Gesellschaft als Ganzes verkümmern lässt. Aus diesem Grunde müssen wir über diesen Punkt hier etwas genauer nachdenken.
Die gesamte Wirklichkeit hat zwei Aspekte: einen materiellen und einen immateriellen. Die materielle Wirklichkeit ist physisch und objektiv zugänglich, die immaterielle psychisch und nur subjektiv erfahrbar.
Die Naturwissenschaft hat alle subjektiven Aspekte aus ihrem Forschungsbereich auszuschließen versucht und hat mit Hilfe dieser Methode ungeahnte Erfolge erzielt. Die Fortschritte der Technologie sind so blendend, dass sie die willkürliche Verengung der Methode, auf der sie aufbauen, überstrahlen und vergessen lassen. Daher sind leider viele philosophisch ungeschulte Naturwissenschaftler dem Hochmut verfallen, die nicht-materielle Hälfte der Wirklichkeit zum Nebenprodukt der materiellen herabzuwürdigen. Die großen Annehmlichkeiten der Technologie gepaart mit Denkfaulheit hat diesen Materialismus zur weit überwiegenden Weltanschauung unserer ganzen Zivilisation gemacht.
Umso größer ist die Aufgabe junger Menschen heute, den Materialismus zu hinterfragen. Der Ansatz dafür liegt auf der Hand: Schon der erste Schritt wissenschaftlicher Untersuchung der objektiven Wirklichkeit ist ja nur möglich durch subjektive Tätigkeit – durch die psychische Anstrengung der Wissenschaftler. Rupert Sheldrake hat in seinem Buch «Der Wissenschaftswahn» überzeugend dargelegt, was auch andere große Wissenschaftler wie Wolfgang Pauli oder David Bohm zeigten: dass Naturwissenschaft und Materialismus streng logisch nicht vereinbar sind.
Ich persönlich verstehe alles Materielle als Außenansicht,
alles Psychische als Innenansicht der einen Wirklichkeit.
Aber ich will gar nicht so viel vorgeben und dir die Freude am Entdecken nehmen. Du selbst kannst und wirst den Materialismus überwinden, wenn du nur ernstlich darüber nachdenkst. Und das ist notwendig für ein sinnerfülltes Leben.
Ein letzter Ratschlag:
Suche Gemeinschaft,
aber bleibe du selbst.
Wahre Lebendigkeit besteht aus Beziehungen – zu dir selbst, zu Umwelt und Mitwelt und zum Großen Geheimnis des Seins.
Junge Menschen sind heute vereinsamter, als sie es je waren.
Unsere Gesellschaft huldigt dem Ich und vergisst das Wir.
Traditionelle Formen der Gemeinschaft verschwinden deshalb. Das Stadtleben macht es leicht, sich in die Anonymität zurückzuziehen. Beziehungen ausschließlich durch soziale Medien überwinden erfahrungsgemäß nicht die Vereinzelung. Und doch ist die Zeit, die wir vereinzelt vor dem Bildschirm verbringen, der überwiegende Teil unserer Wachstunden.
Ein gelungenes Leben ist nur im Gleichgewicht
zwischen Ich und Wir möglich.
Du wirst also in deinem Leben danach trachten wollen, dein Netzwerk zwischenmenschlicher Beziehungen lebendig und kräftig zu erhalten – eingebettet in die allumfassende Beziehung zu deinem Ur-Du.
Dadurch stehst du immer im Licht der Letzten Wirklichkeit und bleibst – mit oder ohne Worte – in ständiger Verbindung mit dem Großen Geheimnis.
[Obiger Text ist Bruder Davids Antwort auf die Frage 1: «Was würdest du jungen Menschen heute raten?» im Buch Worauf es letztlich ankommt: 100 Fragen – 100 Antworten (2026), 15-19, siehe auch Jugend]

