LEBENSTHEMEN und SCHLÜSSELBEGRIFFE

LEBENSTHEMEN und SCHLÜSSELBEGRIFFE

Text von Br. David Steindl-Rast OSB

Sakramente spielen eine zentrale Rolle im Christentum, weil sie uns die Gegenwart des Göttlichen durch Rituale bewusst machen. Für das Lehramt der Kirche sind die Sakramente ja kein magischer Hokuspokus, sondern Brennpunkte des göttlichen Feuers im Leben der Christen und ihr Vollzug verdient daher unsere höchste, unsere vollwache Aufmerksamkeit.

Freilich brennt dieses Feuer nicht nur zu gewissen Festzeiten, sondern allezeit auch in unserem Alltag und wir sollten uns dessen bewusst bleiben. Überall kann uns das Heilige begegnen. Darauf gibt es einen tiefsinnigen Hinweis im chassidischen Judentum. Im Buch Exodus ruft Gottes Stimme Mose aus dem brennenden Dornbusch zu:

«Komm nicht näher heran!
Leg deine Schuhe ab; denn der Ort,
wo du stehst, ist heiliger Boden»
(Ex 3,5).

Das interpretieren die chassidischen Lehrer so: Ein Mensch braucht nicht näher an das göttliche Geheimnis heranzukommen, als wo immer er sich gerade befindet.

Wir brauchen nur «die Schuhe abzulegen»,
um gewahr zu werden,
dass wir auf heiligem Boden stehen –
überall, nicht nur an besonderen Orten.

Was aber bedeuten die Schuhe, die wir ablegen müssen? Sie sind aus totem Leder und versinnbildlichen tödliche Abgestumpftheit durch Gewöhnung.

Das eigentliche Exil - die eigentliche Entfremdung vom Ehrfurcht erregenden Heiligen – liegt in unserer Gewöhnung daran.

Wenn wir nichts als selbstverständlich ansehen,
sondern offen und staunend bleiben,
berührt uns das Leben in seiner ganzen Frische und Fülle.

So werden auch alltägliche Handlungen zu einer Art Sakrament und das Leben selbst wird sakramental.

Das zu erlernen, können uns kleine Rituale helfen, wie etwa Worte des Dankes am Morgen und am Abend sowie vor und nach den Mahlzeiten.

Oft höre ich die Frage: Warum gerade sieben Sakramente in der katholischen Kirche?

Die Siebenzahl steht seit jeher symbolisch für Ganzheit und Vollendung; sie begegnet uns oft in heiligen Traditionen. Darum wurde diese Zahl auch für die Sakramente gewählt.

Wir dürfen das Ganzheitssymbol der Siebenzahl
aber auch als zarten Wink verstehen,
in der Gesamtheit des Kosmos
ein einziges großes Sakrament zu sehen –
ein unfehlbares Zeichen von Gottes Liebe.
(S. 138f.)

Taufe

Das Sakrament der Taufe ist ein kraftvolles Übergangsritual in «ein neues Leben», das «Leben in Jesus Christus» in Verbundenheit mit der ganzen geheiligten und heilen Menschheit.

Taufbewerber werden vor der Taufe gefragt:

«Was verlangst du von der Kirche?»

Die Antwort lautet: «Den Glauben!»

Getaufte erhoffen sich, vom Glauben – vom Gottvertrauen – der christlichen Gemeinde mitgetragen zu werden.

In diesem Sinne wird auch die Taufe von Babys gerechtfertigt. Unser spiritueller Zustand ist stets weitgehend durch die Beziehungen bestimmt, in denen wir stehen.

Nach der Taufe hängt viel davon ab, wie «tragend» die Beziehungen zur christlichen Gemeinschaft sich für ihre neuen Glieder gestalten. Für diese Gestaltung tragen sie selber Verantwortung, aber auch ihre Taufpaten, andere christliche Freunde und die Pfarrgemeinde.

Die Taufe ist nur ein Anfang. Auf das Leben, das aus diesem Anfang entspringt, kommt es an – also letztlich auf etwas, was über jede Messbarkeit erhaben ist.

«Spirituelle Zustände» zu identifizieren, zu klassifizieren und zu messen, wie «hoch» sie sind, führt zu Selbstbespiegelung und lenkt nur vom echten spirituellen Leben ab, bei dem es um selbstvergessene Offenheit für das Leben, um Einheit und Liebe geht.

Es gibt vielleicht äußere Anzeichen für die Gesundheit dieses Lebens, aber das Eigentliche ist eine verborgene Haltung des Herzens. Bereitschaft für «das Leben in Fülle» (Joh 10,10) – das Ziel der Frohbotschaft Jesu Christi – kann zum täglichen Neubeginn, zur täglichen Erneuerung der Taufe werden. (S. 139f.)

Eucharistie ohne Ausschließlichkeit

Im Sakrament der heiligen Eucharistie wird allumgreifende Zugehörigkeit gefeiert – zu Gott, zueinander und zur ganzen Schöpfung. Daher müssen alle am «Tisch des Herrn» willkommen sein. Jede Ausschließlichkeit widerspricht dem Geist einer solchen Feier.

Wenn wache Christen sonntags am Fernseher Diktatoren zur Kommunion gehen sehen, während gute Christen ausgeschlossen bleiben, weil sie geschieden sind, kann die Frage des Ausschlusses schmerzlich brennend werden.

Die politische Instrumentalisierung des Gottesdienstes ist ein großes Ärgernis, darf uns aber nicht vom Wesentlichen ablenken:

Alle dürfen teilnehmen am Gottestisch.

Der geschichtliche Jesus war ja berüchtigt dafür, auch öffentliche «Sünder», darunter Zolleintreiber, die mit der römischen Besatzungsmacht zusammenarbeiteten, und alle aus «guter Gesellschaft» Ausgestoßenen bei Tisch willkommen zu heißen.

Das aus dem Griechischen entlehnte Wort Eucharistie bedeutet Danksagung. Jede Eucharistiefeier ist eine Danksagung für das Leben auf allen Ebenen – für unsere Gemeinschaft mit dem Quell des Lebens und mit allem, was lebt. Sie sollte überfließen in Bereitschaft für allgemeine Tischgemeinschaft im weitesten Sinne auch in unserem Alltag.

Dazu gehört, dass wir die Millionen der Hungernden in der Welt nicht vergessen.

Es ist eine schöne Gewohnheit, nach einer besonders guten Mahlzeit für die Armen zu spenden. Dadurch können wir mit allen unseren Schwestern und Brüdern die Früchte der Erde und alles, was uns geschenkt ist, dankbar am weltweiten Familientisch teilen. Auch hier darf niemand ausgeschlossen werden. (S. 140f.)

Unauflösliche Ehe und ein Vorschlag für ein Ritual der Probe-Ehe

Rituale helfen, Übergänge im Leben zu gestalten – auch in Beziehungen. In katholischer Sicht ist die Ehe ein Ausdruck für die Liebe zwischen Christus und der Kirche.

Aber kann man von jungen Menschen mehr verlangen, als dass sie sich darum bemühen, diese Idee zu verwirklichen?

Sollten wir nicht den Mut haben, dieses Bemühen durch ein Ritual der Probe-Ehe auszudrücken? Das Ritual könnte ein gemeinsames Versprechen sein, treu, offen und ehrlich miteinander auf Zeit zu leben und zu wachsen.

Je häufiger Scheidungen werden, desto notwendiger wird es, auch die Scheidung zu einem Ritual zu machen. Ähnlich könnte ein Abschlussritual nach einer Probe-Ehe helfen, Erfahrungen zu würdigen, Dankbarkeit zu üben und in Frieden auseinanderzugehen, wenn es sein muss.

Entscheidend ist: Rituale machen sichtbar, was uns innerlich bewegt, und erlauben uns, es mit anderen – mit Blick auf das Große Geheimnis – zu teilen.

Beim Sakrament der Ehe erhebt sich heute die Frage, ob es nicht immer mit einer Probeehe verbunden sein sollte.

Für afrikanische Gesellschaften, in denen Probeehen allgemein üblich sind, bekam der große Moraltheologe Bernhard Häring (1906-1998) im Vatikan die Bewilligung, dass beide Schritte dieser Ehen von der Kirche liturgisch gefeiert werden dürfen, wobei erst der zweite Schritt als «unauflöslich» gilt.

In unserer Gesellschaft, in der etwa ein Drittel aller Ehen in Scheidung endet, läge es nahe, Ehen normalerweise als Probeehen zu segnen und sie erst später zum Sakrament zu erheben.

Das Menschenherz sehnt sich nach Ritualen. Sie schaffen Raum, um Beziehung tiefer zu erleben, ganz gleich, ob auf Dauer oder auf Probe.

Ein Ritual für eine Probe-Ehe könnte das Leben vieler junger Menschen, die heute ohne Ritual zusammenleben, bereichern. Und Probe-Ehe zum Normallfall in der Kirche zu machen, könnte unzähligen Christen viel Leid ersparen. (S. 141f.)

[Obiger Text, wie auch in Ergänzend: 2f., ist dem Buch Worauf es letztlich ankommt: 100 Fragen – 100 Antworten (2026) entnommen]

[Ergänzend:

1. Audio Retreat-Woche in Assisi (1989)
Wesen und Erscheinungsform der Kirche oder die Gemeinschaft der Glaubenden in Spannungen und Konflikten
(00:00) Gespräch zum Thema: «Was erwartest du von der Kirche?» «Den Glauben» (Taufgelübde)

2. Sünde, Erbsünde, Trennung:

Für Christen ist das Sakrament der Taufe der rituelle Ausdruck für die Abwendung von der tödlichen Machtpyramide zur Leben spendenden Vernetzung im «Reich Gottes auf Erden». (S. 168)

3. Schlüsselwort «Reich Gottes» in Jesus – Mystiker und Sozialreformer:

Das Reich Gottes auf Erden, für das Jesus gelebt
und gelitten hat und für das er gestorben ist,
verlangt hellwache Menschen,
die sich zugleich nüchtern und begeistert
dafür einsetzen, die vorherrschende Machtpyramide
in eine Gesellschaft der Gleichberechtigung zu verwandeln. (S. 30)

Nur jemand, der mit Überzeugung sagen kann:
«Das ist mir von höchster Wichtigkeit;
dafür will ich mich mit allen Kräften einsetzen»,
hat verstanden,
was «Reich Gottes» wirklich bedeutet. (S. 80)]



Quellenangaben

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