Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Jesus und die Männer und Frauen, die sich ihm anschlossen, bemühten sich, das Reich Gottes zu verwirklichen. Das heißt, sie setzten der vorherrschenden Gewalt die Gewaltfreiheit entgegen, der allseitigen Rivalität die Zusammenarbeit und der Habsucht allgemeines Teilen.
Das bekannte lateinische Sprichwort «Homo homini lupus» beschrieb den Normalzustand bei der römischen Besatzungsmacht, Jesus aber setzte dieser «Dog-eat-dog-Mentalität» das Wir-Denken entgegen:
«Ihr alle seid untereinander Geschwister» (Mt 26,8).
Und Paulus zog die Konsequenz daraus:
«Einer trage des Anderen Last,
so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen» (Gal 6,2).
Dieses Wir-Denken bedeutet für alle, die sich dazu bekehren, «Erlösung», ein tiefes Aufatmen der Befreiung von der sündigen Gesinnung des lch-Denkens.
«Sünde» – verwandt mit dem Wort, «absondern» – zerreißt die lebendige Verbundenheit zwischen uns und allen anderen, zwischen uns und unserem wahren Selbst und zwischen uns und dem göttlichen Mysterium.
Das Reich Gottes dagegen schenkte den um Jesus Gescharten ein «Wir» allumfassender Gemeinschaft.
Plötzlich gab es keine Rangordnung mehr
zwischen «Juden und Griechen,
Sklaven und Freien, Männern und Frauen»(Gal 3,28). (S. 82f.)
Reich Gottes und die Kirche
Mit dem Reich Gottes auf Erden, das Jesus verkündigte und mit seiner ganzen Energie aufzurichten versuchte, hat die Machtpyramide der Kirchen, wie wir sie heute kennen, nur wenig gemein.
Aber wir wissen auch aus persönlicher Erfahrung, dass trotzdem «Heiliger Geist» in der Kirche machtvoll wirkt und im Sinne Jesu sowohl die Lehre wie das Wirken der Kirche zu einer Quelle erfüllten Lebens machen kann. Wir wollen daher nicht gegen, sondern mit der Kirche – durch eben diesen Heiligen Geist – auf eine völlige Umwandlung ihrer Gesellschaftsordnung hinarbeiten. (S. 92)
Jesus wollte das «Reich Gottes» – Gottes Herrschaft auf Erden – aufrichten. Genau darauf zielten auch die Bemühungen des Paulus ab. Durch Jesu Lehr- und Heiltätigkeit entstand ein Netzwerk kleiner, gewaltfreier, egalitärer, kommunitärer Gemeinschaften, doch sein Wirken blieb hauptsächlich auf Galiläa, Jerusalem und vielleicht Teile Judäas beschränkt.
Paulus strebte danach, das Projekt Jesu auf das gesamte Römische Reich auszudehnen. Dass Paulus dasselbe Hauptanliegen hatte wie Jesus, geht klar aus den sieben Briefen hervor, die als tatsächlich von Paulus stammend gelten dürfen; das sind 1. Thessalonicher, Galater, 1. (und zum Teil) 2. Korinther, Philipper Philemon und Römer.
In den sogenannten Deuteropaulinen, nämlich Epheser, Kolosser und 2. Thessalonicher, wird die Radikalität der Botschaft mehr oder weniger entschärft.
In den Pastoralbriefen, das sind 1. und 2. Timotheus- und Titusbrief, wird ihr teils sogar ausdrücklich widersprochen, zum Beispiel bezüglich der Gleichstellung von Frauen in der Gemeinde [siehe unten in Ergänzend: 1]
Der Hebräerbrief gilt für die meisten Bibelwissenschaftler als nicht von Paulus.
Ein wichtiges, leider nur auf Englisch verfügbares, Buch zu den Paulusbriefen ist: Marcus J. Borg, John Dominic Crossan, The First Paul: Reclaiming the Radical Visionary Behind the Church's Conservative Icon (Harper One 2009).
Paulus gründete christliche Gemeinden – also Ortskirchen –, die er durch Vernetzung miteinander weltumspannend machen wollte. Darüber hinaus zielte seine Lehre darauf ab, zu klären, wie Jesus als Christus (= Messias) im Rahmen der jüdischen Heilsgeschichte zu verstehen war.
Sowohl Jesus als auch Paulus waren Juden, die von den römischen Behörden wegen desselben Verbrechens hingerichtet wurden – wegen gewaltfreier Revolution.
Die christlichen Kirchen, wie wir sie heute kennen, haben das revolutionäre Hauptanliegen von Jesus und Paulus weitgehend vergessen. Paulus konnte noch die von ihm gegründeten Gemeinden immer wieder zu einem Leben zurückrufen, das Mitbürgern und Tischgenossen im Reich Gottes entsprach.
Heute aber denken viele Christen, dass Jesus uns vor allem zu mitfühlenden, liebevollen Menschen machen wollte. Für Jesus und Paulus war das aber eher eine Folgeerscheinung dessen, worum es ihnen in erster Linie ging: des Reichs Gottes auf Erden.
Im Vaterunser beten Christen zwar «Dein Reich komme», meinen aber meist «Lass uns in dein Reich kommen – im Himmel».
Jesu Verständnis von Reich Gottes jedoch spielt in unserem heutigen spirituellen Leben kaum eine Rolle. Ihm ging es um eine Umgestaltung der Gesellschaft – um eine gewaltfreie Revolution.
Er wollte die auf Furcht gegründete Machtpyramide durch ein auf Gottvertrauen gegründetes Netzwerk von Netzwerken ersetzen. Gewalt sollte der Gewaltfreiheit weichen, Rivalität der Zusammenarbeit und Habsucht dem Teilen. Wir aber haben die Frohbotschaft Jesu zur Privatangelegenheit gemacht.
Leider haben im Lauf der Geschichte die meisten Kirchen die weltweit vorherrschende Struktur der Machtpyramide übernommen, die römisch-katholische Kirche sogar in direkter Fortsetzung des Römischen Reiches. Dadurch wurde das Anliegen Jesu verraten und die Betonung seiner Botschaft zu einer Privatreligion verfälscht.
«Gott schreibt gerade – auch auf krummen Zeilen»
meinte der französische Schriftsteller Paul Claudel (1868-1955).
Auch innerhalb des jetzt gegebenen Rahmens gibt es leuchtende Heiligkeit.
Darüber hinaus haben kleine Gruppen immer wieder versucht, inmitten der Kirche das Reich Gottes durch Pazifismus, Gleichberechtigung und Gütergemeinschaft zu verwirklichen. Auch Klostergemeinschaften können als Versuche verstanden werden, dies zu tun. Die große Aufgabe jedes benediktinischen Klosters ist es, Reich Gottes zu verwirklichen. Wenn dies gelingt, ist das Kloster für die Kirche, was die Kirche für die Welt sein sollte. (S. 94-96)
Kirche als Institution ein Netzwerk von Netzwerken
Als «Gotteshaushalt» – ein Bild, das den Menschen heute hilft, zu verstehen, was Jesus mit «Reich Gottes» meinte – ist die Kirche eine weltweite Gemeinschaft. Dieser Begriff bedeutet etwas organisch Gewachsenes im Gegensatz zum Begriff «Institution», der auf eine künstliche Struktur hinweist.
Realistisch gesehen, kann jede Gemeinschaft eine Größe erreichen, die künstliche Strukturen für ihr Funktionieren notwendig macht, und wird so zu einer Institution werden. Eine weltweite Kirche kann dieses Schicksal unmöglich vermeiden, und das stellt eine Gefahr dar:
Die Erfahrung zeigt, dass alle Institutionen – soziale, medizinische, pädagogische usw. – sehr bald dazu neigen, ihren ursprünglichen Zweck weit weniger im Auge zu behalten als ihre Selbstdarstellung und Verewigung. Religiöse Institutionen sind keine Ausnahme von dieser Regel. Was kann getan werden, um dieser Tendenz innerhalb der Kirche entgegenzuwirken?
Sich dieser Gefahr bewusst zu sein, ist schon ein erster Schritt.
Ein zweiter Schritt könnte die Anerkennung der Tatsache sein, dass nur eine kleine, organisch gewachsene Gemeinschaft es ihren Mitgliedern ermöglicht, Kirche als «Haushalt Gottes» lebendig zu erfahren.
Ein dritter Schritt würde es dann zum vorrangigen Ziel der Institution Kirche machen, das Wachstum und Wohlergehen dieser kleinsten sozialen Einheiten zu fördern. Kleine Klostergemeinschaften sind ein Beispiel, und das mag der Grund dafür sein, dass gerade dort eine schnell wachsende Zahl von Christen heute Kirche erlebt. Alles weist darauf hin, dass Kirche als Institution sich als ein Netzwerk von Netzwerken verwirklichen sollte, um ihrer Sendung treu zu bleiben. Die Anwendung des Subsidiaritätsprinzips [siehe in Ergänzend: 3] auf die Kirche selbst wäre ein wichtiger Schritt auf dieses Ziel hin. (S. 106f.)
[Obiger Text, wie auch in Ergänzend, ist dem Buch: Worauf es letztlich ankommt: 100 Fragen – 100 Antworten (2026) entnommen]
[Ergänzend:
1. Gleichstellung der Frauen bei Jesus und in der frühen Kirche
Im Widerspruch zur Gesellschaftsordnung seiner Zeit gab Jesus den Frauen Gleichberechtigung mit Männern. Auch die frühe Kirche stellte Frauen den Männern gleich.
Noch Paulus schrieb in seinem Brief an die Galater:
«Da ist weder Jude noch Grieche,
da ist weder Sklave noch Freier,
da ist weder Mann noch Frau.
Denn ihr seid alle eins
in Christus Jesus»
(Gal 3,28).
Beim Autor des Kolosserbriefes sind Mann und Frau schon aus dieser Liste gestrichen (vgl. Kol 3,11):
«Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Sklave, Freier, sondern alles und in allen Christus.»
Und im Ersten Brief an die Korinther heißt es sogar – wohl als ein späterer Einschub: «Die Frau schweige in der Gemeinde» (1 Kor 14,34).
Wenige Jahrzehnte nach Jesus also war die Stellung, die er der Frau gegeben hatte, in der Kirche schon verlorengegangen.
Eine ähnliche Entwicklung lässt sich am Bild von Maria Magdalena in den Evangelien verfolgen. Ursprünglich wird berichtet, dass sie Jesus besonders nahestand und sogar als erste Zeugin der Auferstehung den Aposteln davon berichtete – die Frau den Männern! So wird sie zur Apostelin für die Apostel. Nach und nach aber wird sie mit der unbekannten Sünderin identifiziert, die Jesus die Füße wäscht, mit ihren Haaren trocknet und sie mit kostbarem Öl salbt. Sie gehört trotzdem zum kleinen Kreis von Frauen, die zusammen mit den Aposteln Jesus auf seinen Wanderungen von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf begleiten. Diese Frauen unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen, und blieben auch noch bei seiner Kreuzigung bei ihm, als alle Männer flohen. Trotzdem wird Maria Magdalena selbst in den liturgischen Texten ihres Festes vorwiegend als die Frau erinnert, «aus der sieben Dämonen ausgefahren waren» (Lk 8,2).
Michelangelo hat seinem Abscheu für die Männerwirtschaft in der Kirche bildlichen Ausdruck gegeben durch die Geste Marias in seinem Jüngsten Gericht. Nicht zufällig in der Sixtinischen Kapelle, wo der Papst – unbedingt ein Mann – ausschließlich von Männern gewählt wird, ist Christus halbnackt in brutaler Maskulinität dargestellt, seine Mutter aber wendet sich entsetzt ab.
In Dankbarkeit für die vielen großen Frauen, die im Laufe der Kirchengeschichte für Frauenrechte eingetreten sind, wird jeder wache Christ, Mann oder Frau – wer immer die «Zeichen der Zeit» lesen kann – heute die Bemühungen der Päpste und gewisser Kreise in Rom nach Kräften unterstützen, Frauen mehr Macht zu geben. Auch wenn diese Bemühungen verspätet und unzureichend sind, können sie als Sprungbrett dienen, um auf völlige Gleichberechtigung der Frau in der Kirche hinzuarbeiten, denn die Stellung der Frau in der Kirche ist ein Skandal. (S. 104-106)
2. Fünf Schritte vom Reich Gottes zur Form heutiger Kirchen
Es könnte hilfreich sein, mit Blick auf die soziologische Struktur der christlichen Gemeinde die entscheidenden Schritte ihrer Transformation von Jesu «Reich Gottes» zur Form der heutigen Kirchen klar zu skizzieren.
Fünf Schritte der historischen Entwicklung scheinen dabei entscheidend:
Ein erster Schritt führte von der wandernden Gruppe der Jünger, die Jesus als ihrem Lehrer folgten und von Sympathisanten beherbergt wurden, zu sesshaften Gruppen von Stadtbewohnern in Jerusalem und nach und nach vielerorts bis hin zur Hauptstadt Rom.
Ein zweiter entscheidender Schritt war der Übergang von einer egalitären zu einer hierarchischen, von Männern dominierten Struktur.
Zu diesem Zeitpunkt behielt die Kirche noch teilweise das revolutionäre Prinzip Jesu bei: «Frieden durch Gerechtigkeit» im Widerstand zum «Frieden durch Herrschaft» des Römischen Reiches.
Die Bekehrung Konstantins zum Christentum, die einer allmählichen Annahme der Machtstruktur des Römischen Reiches durch die Kirche den Weg bahnte, markiert einen dritten Schritt.
Nach und nach wurde nun die hierarchische Struktur der Kirche mit der Pyramidenstruktur der politischen Macht verschmolzen.
Bis heute sind die Päpste die Nachfolger der römischen Kaiser und haben sogar deren Titel Pontifex maximus beibehalten.
Ein vierter Schritt waren die oft wiederholten Bemühungen, die Machtpyramide der Kirche in ihre ursprüngliche Struktur – ein Netzwerk von Netzwerken – zurückzuverwandeln.
Luther hinterfragte nicht die Struktur der Kirche, sondern nur verhältnismäßig oberflächliche Missbräuche. Anders die Versuche der Katharer und der Anhänger von Hus, Zwingli und Calvin. Die meisten der reformatorischen Reformbemühungen, die von unten kamen, wurden von den kirchlichen Autoritäten abgelehnt, bekämpft und vernichtet. Eine solche Bewegung aber, die im 13. Jahrhundert vom heiligen Franz von Assisi ins Leben gerufen wurde, konnte die Genehmigung des Papstes erreichen und innerhalb der offiziellen Kirche wirksam werden. Das hat die kirchliche Machtstruktur zwar nicht geändert, aber doch von innen her gemildert. Für Frauen können auch die mittelalterlichen Beginen ein gutes Beispiel sein.
Dass ein Papst den Namen Franziskus annahm und Dezentralisierung und «Frieden durch Gerechtigkeit» anstrebte, könnte zu einem fünften Schritt führen – zur Rückverwandlung der gesamten kirchlichen Machtpyramide in ein Netzwerk von Netzwerken; diesmal von oben durch Einführung des Subsidiaritätsprinzips.
Obschon der Widerstand gegen diesen Schritt in Teilen der Weltkirche groß ist, dürfen wir ihn erhoffen und auf ihn hinarbeiten.
Wo auch immer der Funke der Begeisterung für die Ideale Jesu im Herzen eines Menschen – Christ oder nicht Christ – Feuer fängt, wird man versuchen, diese Ideale im öffentlichen sowie im privaten Leben zu verwirklichen; und das heißt, am Gottesreich auf Erden zu bauen. (S. 92-94)
3. Das Subsidiaritätsprinzip
Zuweilen waren auch Päpste «Reformer», indem sie Aspekte des «Reiches Gottes» innerhalb der kirchlichen Tradition betonten und förderten.
Ein markantes Beispiel ist die Enzyklika Rerum Novarum von Papst Leo XIII. aus dem Jahr 1891 mit ihrer weiteren Ausarbeitung durch Papst Pius XI. in Quadragesimo Anno von 1931. Dort hat Pius XI. erstmals das Subsidiaritätsprinzip formuliert. Es besagt:
Was eine kleinere Einheit, wie etwa Person, Familie oder Gemeinde, selbst leisten kann, darf eine größere Einheit, zum Beispiel der Staat oder eine übergeordnete Autorität, ihr nicht entziehen, sondern sie soll vielmehr dabei unterstützt werden, dass sie dies selber leistet (subsidium = Unterstützung).
Also sollen Entscheidungen «unten» gefällt werden, nicht «oben».
Gilt das auch für die Kirche?
Was sagt die Amtskirche selber zu dieser Frage?
Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) hat in seiner Lehre über die Kirche subsidiäres Denken durchaus aufgegriffen, wenn es ausdrücklich sagt:
1. Die Ortskirchen (Diözesen) sind «voll verwirklichte Kirchen», nicht bloße Filialen Roms.
2. Die Bischofskonferenzen haben eigene Verantwortung: Rom soll sie unterstützen, aber nicht ersetzen.
3. Der Papst übt eine universale Leitungsgewalt aus, aber «unter Wahrung der Eigenverantwortung der Bischöfe».
Der nächste Schritt muss natürlich sein, dass die Entscheidungen, die Pfarren und noch kleinere kirchliche Einheiten betreffen, von diesen selbst getroffen werden und nicht auf den diözesanen Ebenen.
Genau darum bemühen sich schon jetzt Bewegungen wie «Wir sind Kirche».
Es geht hier nicht nur um geschäftliche Entscheidungen, sondern auch um pastorale.
Leider ist das Subsidiaritätsprinzip bisher in Kirche und Gesellschaft viel zu wenig umgesetzt. Gerade jetzt weist der Synodale Prozess in diese Richtung, was große Hoffnung geben kann:
in allem Wesentlichen Einheit,
in allem Unwesentlichen Eigenständigkeit,
das sollte das Ziel sein.
Schon Papst Benedikt XVI hat die Bedeutung des Subsidiaritätsprinzips ausdrücklich anerkannt: «Eine Gesellschaft, die das Subsidiaritätsprinzip achter, befreit die Menschen», sagte er.
Und Papst Franziskus fügte hinzu: «Das Subsidiaritätsprinzip muss verwirklicht werden unter Achtung der Autonomie und der Fähigkeit, die Initiative zu ergreifen, die jeder hat, insbesondere die Geringsten.»
Papst Franziskus und Papst Leo XIV. haben diese subsidiäre Logik zur Grundlage synodalen Denkens gemacht, aber seine formale Anerkennung als für die Kirche im juristischen Sinne bestimmend, steht leider immer noch aus.
Je zahlreicher eine soziologische Einheit, umso größer der Widerstand gegen Neuerungen. Widerstand kommt nicht nur von der Zentralgewalt, die ihre Macht nicht abgeben will, sondern mindestens ebenso sehr von den lokalen Autoritäten, die nicht bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen, die mit ihrer Ermächtigung durch dieses Prinzip einhergeht.
Auch die einzelnen Christen, wenn sie zum Beispiel in den Pfarrgemeinderat berufen werden, zeigen oft den gleichen Widerstand. Es ist also eine höchst zeitgemäße Aufgabe für alle Glieder der römisch-katholischen Kirche, sich darum zu bemühen, dass das Subsidiaritätsprinzip auch hier wirksam wird, denn es gibt kein anderes Thema von gleicher Bedeutung für die zukünftige Struktur der Kirche, ja, für ihr institutionelles Überleben. (S. 107-109)
4. Petrus, der erste bedeutende römische Gemeindeleiter
Die Evangelien erzählen, dass Jesus Simon, dem Sohn des Jonas, einem seiner engsten Jünger, den Spitznamen «Petrus» gab, was «Fels» bedeutet, und ihm versprach: «Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen» (Mt 16,18).
Darin liegt zunächst einmal ein Witz Jesu, allerdings ein sehr tiefsinniger. Meine Freundin Joy Crowley, eine berühmte Kinderbuchautorin, gab ihren Haustieren Namen, die sie dazu herausfordern, ungeahnte Möglichkeiten zu entdecken, die in ihnen schlummern.
Die Darstellung in den Evangelien lässt uns sehen, dass Simon eine äußerst unzuverlässige Figur war und Jesus ihn daher eher scherzhaft «Petrus», also «Fels», genannt haben könnte, so wie meine Freundin Joy ein äußerst unscheinbares und unbeholfenes Kätzchen «Grazie» nannte.
Jesus baute seine Gemeinde nicht auf der Stärke ihrer Mitglieder auf, sondern im vertrauensvollen Glauben, dass Gottes Kraft sich auch in ihrer Schwachheit erweisen würde.
Ob wir Jesu gütiges Schmunzeln beim Wort «Fels» bemerken oder nicht, entscheidend ist, dass die römisch-katholische Kirche diesen Vers so interpretiert, dass Jesus Christus Petrus zum sichtbaren Oberhaupt seiner Kirche eingesetzt hat – also zum ersten Bischof von Rom und damit zum ersten Papst.
Vom Papsttum zu sprechen, führt uns gleich zu den Problemen, die diese Frage aufwirft. Es darf als geschichtlich gesicherte Tatsache gelten, dass es nicht Jesu Absicht gewesen sein kann, Petrus als Oberhaupt einer Machtpyramide einzusetzen, da ja sein Lebenswerk darin bestand, jede Machtpyramide in «Reich Gottes» umzuwandeln.
Nichts spricht zwar dagegen, dass Jesus Petrus eine besondere Führungsrolle unter den Aposteln gab. Auch in einer Netzwerkstruktur sind ja Koordinationsrollen nötig.
Aber lesen wir weiter im Matthäusevangelium: «Da kam die Frau von Zebedäus mit ihren Söhnen Jakobus und Johannes zu Jesus. Sie warf sich vor ihm nieder und wollte ihn um etwas bitten. «Was willst du?», fragte er. Sie antwortete: «Wenn deine Herrschaft begonnen hat, dann gewähre meinen beiden Söhnen die Ehrenplätze rechts und links neben dir!» Aber Jesus antwortete und sprach: «Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch. Sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene.» (Mt 20,20.25-28)
Ein Jesus, der in den Evangelien durchgehend so spricht, wird sich doch nicht ausgerechnet in einem Vers selbst widersprechen. Wir müssen also den strittigen Vers so interpretieren, dass unser Verständnis mit dem Gesamtbild übereinstimmt.
Aus historisch-kritischer Perspektive kommen noch weitere wichtige Punkte in Erwägung hinzu:
1. Es gab zur Zeit der Apostel noch nirgends «Bischöfe», auch kein Oberhaupt in den christlichen Gemeinden, nur «Älteste».
2. Der Titel «Bischof von Rom» entwickelte sich auch in dieser Kirche erst allmählich und dieser Bischof dehnte seine Vormachtstellung von der Hauptstadt auch nur nach und nach auf das ganze Reich aus.
3. Der Titel «Papst» («Papa») wurde erst ab dem 3., 4. Jahrhundert verwendet und es dauerte bis zu unserer Zeit, bevor dem Papst, Schritt für Schritt, die Privilegien zugestanden wurden, die er heute besitzt. Ein wichtiger Schritt in der Neuzeit war dann die Proklamation des Dogmas der päpstlichen Unfehlbarkeit im Jahre 1870.
Zusammenfassend können wir sagen: Petrus war eine führende Figur der Urkirche und wohl der erste bedeutende römische Gemeindeleiter, aber nicht Papst im späteren institutionellen Sinne und schon gar kein Monarch. (S. 96-98)]

