Text von Br. David Steindl-Rast OSB
Die Vorstellung seiner göttlichen Sohnschaft geht auf Jesus selbst zurück, der als Mystiker das göttliche Geheimnis so liebend nahe erlebte, dass er Gott mit der kindlichen Anrede «Abba» seinen Vater nannte.
In diesem Sinn verstand er sich also als Gottes «Sohn» – freilich nicht ausschließlich, wie er dadurch beweist, dass er auch seine Jünger lehrte, Gott als «Vater unser» anzurufen. (S. 74f.)
Alle Menschen haben
als Gottes Kinder Zugang zum Vater.
Gottessohnschaft ist für Jesus
das Herzstück der Spiritualität. (S. 77)
Jesus drückt mit der Anrufung «Abba» seine überwältigende mystische Erfahrung aus, dass das Große Geheimnis sich nicht unnahbar vor uns auftürmt wie Gewitterwolken, sondern uns im Innersten liebend umarmt.
Zugleich aber ist damit die Forderung der Nächstenliebe als Geschwisterliebe verbunden, weil Gott unser aller «Vater» ist.
In seiner eigenen Beziehung zu unser aller Vater lebt Jesus allen Menschen das Ernstnehmen unserer Gotteskindschaft vor.
Im Mittelpunkt seiner Lehre steht «das Reich Gottes»: die Verwandlung des Welt-Haushaltes in «Gottes Haushalt».
Damit ist jene friedliche Welt gemeint,
die wir alle ersehnen und verwirklichen könnten,
würden wir nur unser aller Gottessohnschaft ernst nehmen.
So viel also hängt davon ab, wie wir das Bild von Jesus als «Sohn Gottes» verstehen – und danach leben! (S. 76)
Unser persönlicher Selbstwert ist zunächst einmal unendlich erhöht, wenn wir uns selbst als Kinder Gottes verstehen dürfen.
Jeder Mensch, der uns begegnet,
verdient jetzt die gleiche
unbegrenzte Wertschätzung
als Sohn oder Tochter Gottes.
Und da der Mensch Teil der belebten, ja sogar der unbelebten Natur ist, begegnet uns in jedem kleinsten Ding Gott selbst.
Und wo wir nie ganz sicher sein konnten, ob wir nicht doch einer blinden und gleichgültigen letzten Wirklichkeit ausgesetzt waren, kommt uns jetzt unser mütterlich liebender himmlischer Vater mit ausgebreiteten Armen entgegen.
Schon vor Beginn der Welt,
von allem Anfang an,
hat er uns geliebt.
Und schon lang hat er all
unsere Verfehlungen geheilt,
noch bevor wir sie überhaupt begangen haben.
Darauf dürfen wir vertrauen. (S. 178)
Dichterisch-mythische Bilder nicht verabsolutieren
Der biblischen Bildersprache war der Begriff «Sohn Gottes» längst vertraut: der König, das Volk Israel, ja die Menschheit schlechthin, personifiziert in Adam, wurden «Sohn Gottes» genannt.
Im Lukasevangelium (Lk 3,38) wird Adam, der Urvater aller Menschen, «Sohn Gottes» genannt.
Selbstverständlich sind sowohl «Vater» als auch «Sohn» dichterische Bilder. Sie sprechen eine tiefe, innere Wahrheit aus, wir dürfen sie aber nicht wörtlich nehmen.
Solches Wörtlich-Nehmen der dichterischen Bilder «Vater» als auch «Sohn» hat das Verständnis der Gottessohnschaft Jesu auf ihn allein eingeengt. Aber das griechische Wort «monogenês» (Joh 1,14) bezeichnet Jesus als den «einzigartigen» Sohn Gottes, nicht als den «eingeborenen», im ausschließlichen Sinne von «einzig».
Wäre das nicht so, dann widerspräche sich der Autor, der an der gleichen Stelle sagt, dass alle Gläubigen «Kinder Gottes» sind (Joh 1,I2).
«Monogenês» – «einziggeliebt» – wird auch Isaak im Hebräerbrief (Hebr 11,17) genannt, wo das Wort nicht «einzig» bedeuten kann, da Abraham bereits andere Kinder gezeugt hatte. (S. 75 und 76)
Der Ausspruch Jesu:
«Niemand kommt zum Vater
außer durch mich»,
der im Johannesevangelium steht (Joh 14,6), darf nicht als vom geschichtlichen Jesus stammend angesehen werden.
Er ist eine Behauptung dieses Evangelisten oder seiner Schule und entspringt deren philosophisch-theologischem Verständnis von Jesus Christus.
Auf den geschichtlichen Jesus projiziert, hat diese Sichtweise unabsehbaren Schaden angerichtet, der bis heute fortwirkt. Das Zitat wurde zum Vorwand für blutige Zwangsbekehrungen.
Wir haben heute die Pflicht und das Recht, ein Jesusverständnis zu finden, das den gesicherten geschichtlichen Gegebenheiten gerecht wird und zugleich den spirituellen Hunger heutiger Menschen stillt.
Für uns ist es bedeutend, dass Jesus sich niemals über andere erhoben hat. Nur im Johannesevangelium wird er anders dargestellt.
Eine so überhebliche Selbstaussage widerspricht dem Jesusbild der anderen Evangelien und dem exegetisch gesicherten Gottesverständnis Jesu.[1]
Er sieht Gott als den liebenden Vater aller Menschen. Wie sollte der die Mehrzahl der Menschen nicht zu sich kommen lassen, nur weil sie nie von Jesus Christus hörten?
Wir dürfen also vielleicht den Satz im Sinne Jesu so verstehen:
«Niemand kommt zum Vater
außer als Sohn oder Tochter Gottes.»
Dann erhält er eine, die Menschenwürde betonende Bedeutung, der auch wir zustimmen können. (S. 76f.)
[Obiger Text, wie auch in Ergänzend, ist dem Buch: Worauf es letztlich ankommt: 100 Fragen – 100 Antworten (2026) entnommen]
[Ergänzend:
«Jesus, der Menschensohn» in Bruder Davids Vortrag: Jesus als Wort Gottes, abgedruckt im Buch Die Frage nach Jesus (1973), 60f.; siehe auch Wir leben vom ureigensten Leben Gottes (1973) und Gott wird Mensch: Ergänzend: 2:
«Wiewohl er Gottes Sohn war, musste er doch durch Leiden Gehorsam lernen» (Hebr 5,8). Adam wollte das nicht. Er macht das Gott-gleich-Sein zum Raub. Jesus hingegen wird «gehorsam bis zum Tode» (Phil 2,8), und so erfüllt er, was es heißt, Mensch zu sein. Eben darin ist sein Gott-gleich-Sein verwirklicht.
Genau in diesem Sinn finden wir in den Evangelien Jesus als den Menschensohn. Wie nun etwa «Sohn des Friedens» in der biblischen Sprache einen durch und durch friedliebenden, Frieden ausstrahlenden Menschen bezeichnet, oder wie man sagen kann: «Sohn des Verderbens» und man damit einen durch und durch verdorbenen Menschen meint, so kann man sagen: «Sohn des Menschen» – «Menschensohn», und meint damit einen Menschen, der durch und durch menschlich ist. Wir sagen «Menschenskind». Menschensohn ist einfach im biblischen Sprachgebrauch die Bezeichnung für einen Menschen – irgendjemand, jedermann. So bezeichnet sich Jesus, wenn er von sich als Menschensohn spricht, als Mensch schlechthin, als typisch menschlich. Der Prophet Daniel will uns schockieren, wenn er sagt, dass ein Menschensohn beim Thron Gottes steht, einer, der durch und durch menschlich ist. Es ist aber gerade diese Bezeichnung, die Jesus aufgreift (Dan 7,73; Lk 21,27).]
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[1] Vergleiche dazu das Audio Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen (1992)
Erstes Seminar mit Bruder David im Rittersaal des Schlosses Goldegg
(48:38) Jesus, der neue Adam, und unsere Berufung, voll menschlich und voll göttlich zu werden / (53:39) Mit dem göttlichen Strom in uns schwimmen gegen den Strom der Gesellschaft – Jesus, Mystiker und Sozialreformer
Darin hören wir von Bruder David:
(48:20) Die Kernaussagen des Johannesevangeliums drücken in theologischer Sprache und in anderer Perspektive dasselbe aus wie die Gleichnisse Jesu: Die göttliche Autorität ist in dir! Jesus setzt voraus, dass die göttliche Autorität in jedem seiner Zuhörer spricht, selbst in den Ausgestoßenen, selbst in den Sündern, in jedem Menschen.
Und das war nichts Neues, das war nur ein Durchbruch des Ältesten, so wie immer das Neuste der Durchbruch des Ältesten ist, auch heute, denn schon in der ersten Seite der Bibel, im Schöpfungsmythos steht, dass wir Menschen ‒ Adam, der Mensch ‒ wir alle ‒ lebendig sind mit Gottes eigenem Lebensatem: Wir leben mit Gottes eigenem Leben.
Und Johannes, von dem man, wenn man das Johannesevangelium oberflächlich liest, den Eindruck bekommen könnte, dass er Jesus auf ein Postament hinaufstellt, das zu hoch für uns ist, und eine Kluft aufreißt zwischen uns und Jesus: Gerade Johannes sagt an der zentralen Stelle im Prolog: ‹Und allen jenen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden› (Joh 1,12), das heißt, genau das zu werden, was er nach dem Johannesevangelium ist: Sohn Gottes.

