LEBENSTHEMEN und SCHLÜSSELBEGRIFFE

LEBENSTHEMEN und SCHLÜSSELBEGRIFFE

Text von Br. David Steindl-Rast OSB

Zwei Bedeutungen des Wortes «glauben»

Es ist wichtig, zwei Bedeutungen des Wortes «glauben» zu unterscheiden: «glauben, dass ...» und «glauben an...».

Ich glaube beispielsweise, dass Herr X, den ich nicht persönlich kenne, ein begnadeter Arzt ist und nicht nur ein Quacksalber. Dieser Glaube stammt aber nur aus zweiter Hand. Er entspringt meinem Glauben an einen Freund, der es aus erster Hand weiß – meinem Vertrauen also in diesen Freund.

«Glauben an ...» heißt vertrauen.
Jedes «glauben, dass ...»
beruht notwendigerweise
auf einem, «glauben an ...»

Wenn ich glaube, dass es morgen regnen wird, muss ich der Wettervorhersage vertrauen oder meiner eigenen Intuition. Ebenso muss mein Glaube, dass Gott nicht nur eine Fiktion meiner Einbildung ist, entweder von meinem Glauben an die Lehrer abhängen, die es mir beigebracht haben, oder vom Vertrauen auf meine eigene Erfahrung mit Gott.

Eigene Gotteserfahrung wird jedem Menschen durch die unvermeidliche Begegnung mit dem Geheimnis des Lebens geschenkt. Wenn wir bereit sind, dieses Geheimnis «Gott» zu nennen, brauchen wir gar nicht zu glauben, dass Gott uns lebendig und aktiv begegnet:

Wir wissen es, weil wir es jeden Augenblick erleben.

Die geheimnisvollen Lebensvorgänge um uns herum und in uns selbst sind Beweis genug. Die Frage

«Glaubst du an Gott?»

bedeutet:

«Vertraust du dich dem Großen Geheimnis an,
dem du im Leben immer wieder begegnest,
oder misstraust du furchtsam dem Leben?»

Was unserem Glauben oft im Wege steht und unseren vertrauensvollen Umgang mit dem lebendigen Gott, dem Mysterium des Lebens, behindert, sind die Bilder und Vorstellungen von Gott, die uns andere – mit bester Absicht – eingetrichtert haben. Dies rechtfertigt zwar die Parole «Weg mit dem Gott aus zweiter Hand!», wir werden jedoch gut daran tun, unsere Erfahrung von Gott aus erster Hand zu bereichern, indem wir den Schatz an Erfahrungen jener gut nutzen, die in der Vergangenheit vom göttlichen Geheimnis ergriffen waren. (S. 62f.)

Notwendig im Sinn von Not-wendend

An Gott zu glauben, ist tatsächlich «Not-wendig» in dem Sinn, dass durch Gottesglauben – Gottvertrauen – unsere menschliche Daseinsnot gewendet und in Lebensmut verwandelt wird. Das Gegenteil ist Lebensangst, an der so viele Menschen heute leiden.

Und nicht nur im Sinne von «vertrauen», auch im Sinne von «für wahr halten» ist es notwendig, an Gott zu glauben.

Wir glauben ja notwendigerweise an etwas, was unsere tägliche Erfahrung uns beweist. So auch an die geheimnisvolle Kraft, die unseren Lebensvorgänge – vom Stoffwechsel bis zum Kopfrechnen und Klavierspielen – bewirkt und steuert.

Allerdings ist es verständlich, wenn jemand zögert, für diese Lebenskraft das Wort «Gott» zu verwenden. Das landläufige Gottesverständnis ist ja oft so irrelevant für unseren Alltag.

Wenn wir aber das Pauluswort ernst nehmen,
«in Gott leben wir, bewegen uns und sind wir»
(Apg 17,28),
dann ist das Leben in uns Gottesleben.

Und das ist es, worauf es ankommt, auch wenn Gottes Leben letztlich unendlich über uns hinausgeht.

Wir sollten auch beachten, dass dieses notwendige intellektuelle «Glauben» – im Sinne von «für wahr halten» – erst dann als «Glaube» – im Sinne von, vertrauen" – unsere existenzielle Not wenden kann, wenn wir von Lebenserfahrung zu Lebensvertrauen fortschreiten.

Auch dieser zweite Schritt ist vernünftig,
denn was alle Lebensvorgänge weise ordnet,
ist doch vertrauenswürdig!

Dieser Schritt geht aber über die Vernunft hinaus.

Zum Für-wahr-Halten genügt der Verstand;
vertrauen aber kann nur der ganze Mensch.
Freilich wendet dieses Vertrauen
dann auch die Not des ganzen Menschen
(S. 64)

[Obiger Text, wie auch in Ergänzend, ist dem Buch: Worauf es letztlich ankommt: 100 Fragen – 100 Antworten (2026) entnommen]

[Ergänzend:

Glaube und Wissenschaft

Für viele Menschen hat heute die Wissenschaft die Rolle übernommen, die in der Vergangenheit die Religion spielte: als die verlässlichste Grundlage des Glaubwürdigen, die wir haben.

Wenn das «Glauben» bei dieser Glaubwürdigkeit «für wahr halten» bedeutet, dann spielt die Wissenschaft diese Rolle mit Recht, denn bei ihr geht es um gesicherte Tatsachen.

«Glauben» kann aber auch «vertrauen» bedeuten, dann geht es um persönliche Beziehungen und um Sinnfindung.

In der Sprache der Religion bedeutet «glauben» nämlich «vertrauen».

Religion muss auf die Wissenschaft hören, wo es um Tatsachen geht – wie in Galileos Ausspruch: «Und sie bewegt sich doch!»

Ebenso muss Wissenschaft anerkennen, dass alles, was über Tatsachen hinausgeht, nicht in ihren Bereich gehört – etwa Fragen nach dem Sinn des Daseins.

Zur Orientierung im Leben brauchen wir beides, Wissenschaft und Religion.

«Wissenschaft ohne Religion ist lahm.
Religion ohne Wissenschaft ist blind»,
sagte Albert Einstein.

Wissenschaftliche Entdeckungen zählen zu den kräftigsten Auslösern religiöser Ehrfurcht und Ergriffenheit. (S. 31)]



Quellenangaben

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