INTERVIEWS mit David Steindl-Rast

INTERVIEWS mit David Steindl-Rast

Interview in BUDDHISMUS AKTUELL 3/2026 von Ursula Baatz mit Bruder David

Begriffe machen wissend, Ergriffenheit macht weise
Rainer Maria Rilkes spirituelle Kraft und die Freude an der Religion

In Ihrem Buch befassen Sie sich mit einem der Hauptwerke Rilkes, Sonette an Orpheus. Warum Rilke – und warum in dieser Zeit?

Rilke hat vorweggenommen, was gerade in unserer Zeit viele Menschen beschäftigt. Er hatte in seiner Kindheit ein sehr enges Christentum erlebt und wollte sich davon befreien. Die christlichen Bilder und Wahrheiten hat er aber nicht aufgegeben, sondern aus einer natürlichen, angeborenen Religiosität heraus neu gestaltet.
Heute sind viel mehr Menschen als damals von der Religion enttäuscht, dennoch haben sie ihre innere Religiosität bewahrt. Rilkes Dichtung ist geeignet, uns unsere angeborene Religiosität bewusst zu machen – auf wunderschöne Weise, durch Schönheit und Stille – und nicht durch Begrifflichkeit. Der heilige Bernhard von Clairvaux hat das ja schon im Mittelalter so treffend gesagt: Begriffe machen wissend, Ergriffenheit macht weise. Das ist die Art von Weisheit, die Rilke uns bringt. Alexandra Kreuzeder und ich haben versucht, dieser tiefen Religiosität nachzugehen – und die Freude, die man dabei erlebt, mit anderen zu teilen.

Einhörner, mythische Gestalten – Rilkes Bildwelt ist für heutige Leserinnen und Leser oft schwer zugänglich. Wie kann man sich ihr nähern?

Rilke bringt im Unbewussten sehr viel zum Klingen. Wenn wir ihn immer wieder lesen und uns aus der Stille heraus auf ihn einlassen, dann löst er in uns Berührung aus – etwas ergreift uns und daraus werden wir gewandelt. Genau dies ist ein zentrales Thema in den Sonetten: Wandlung. Sich ergreifen lassen vom großen Geheimnis. Eigentlich hat er entdeckt, was der Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung später «Archetypen»nennt. Archetypen haben eine große Kraft über unser Leben, auch wenn sie uns völlig unbewusst bleiben; darum hat Rilkes Dichtung heute noch so große Kraft. Inzwischen sind viele Menschen der Dichtung allerdings generell ein bisschen entfremdet. Das versuchen wir in unserem Buch aufzubrechen.

Mit welcher Haltung sollte man an Rilkes Gedichte herangehen?

Natürlich ist Offenheit notwendig, eine Bereitschaft zur Freude an dem, was uns gefällt. Ich verstehe vollkommen, wenn jemand Rilke liest und sagt: Das habe ich nicht verstanden. Aber vielleicht kann man sich auf die Melodie einlassen, einmal hineinhören, lauschen oder vielleicht sogar laut lesen, um die wunderschöne Melodie seiner Sprache wahrzunehmen. Eines meiner liebsten Beispiele ist der Beginn eines Sonetts; das ist Musik:

Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter
dir, wie der Winter, der eben geht.
Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter,
dass, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.

Wichtig ist auch, dass wir aus der Stille kommen, sagen Sie in Ihrem Buch.

Rilke kommt aus der Stille und führt in die Stille. Wichtig ist, dass wir in Stille dabei sind. Der wesentliche Moment ist die Stille, und die kommt aus dem Loslassen. Da sind wir dann auch bei der Dankbarkeit. Dass wir staunen und dann zurückgeben. So sagt Rilke selbst in einem Gedicht:

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen –:
Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

Würden Sie empfehlen, die Rilke-Lektüre mit den «Sonetten an Orpheus» zu beginnen?

Mit diesem schwierigen Bildwerk sollten Menschen, die zu Rilke Zugang suchen, nicht beginnen. Aber sein Stundenbuch spricht schon beim ersten Lesen an. Eines seiner berühmtesten Gedichte stammt daraus: «Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen». Wenn er dann am Schluss sagt «Vielleicht bin ich ein großer Gesang» – dann führt das zu seinen Sonetten hin.
In diesem großen Gesang ist Orpheus als Archetyp der mythische Sänger, der Dichter. Aber hinter diesem Orpheus steht ganz klar Jesus Christus – auch für Rilke. Er wollte mit der engen Religiosität nichts zu tun haben, aber die große Wirklichkeit Jesu Christi begeistert ihn. Rilke hat sein Leben lang auf all seinen Reisen die Bibel mitgetragen, gelesen und über sie geschrieben. Er meinte nämlich: «unter den alten Büchern, die mich zu neuen kaum kommen lassen, ist die Bibel das vorzüglichste.»

Rilke hat auch Buddha-Gedichte geschrieben. Wie stand er zum Buddhismus?

So wie heute viele Menschen ihre Urreligiosität entdecken und den Buddhismus für sich finden, besonders in der Form des Zen, so hat auch Rilke den Buddha entdeckt – ganz selbstständig. Das Entscheidende war für ihn das Schweigen. Er spricht ja auch von Orpheus und Christus als solchen, die aus dem Schweigen hervorgehen. Das Wort kommt aus dem Schweigen und spricht uns an. Und wenn wir uns ansprechen lassen, führt es uns wieder dorthin, wo es herkommt: in das Schweigen hinein.
Das haben schon im vierten Jahrhundert die Kirchenväter gesehen und vom Reigentanz der Trinität gesprochen.

Rilkes Gottesbegriff war sehr frei, sehr eigen.

Er hat seinen Gott aus erster Hand geschöpft, aus seinen eigenen Erfahrungen, und wollte sich da nicht reinreden lassen. Das ist so typisch für viele Menschen heute – und einer der wichtigsten Berührungspunkte zwischen Rilkes Dichtung und unserer heutigen geistigen Haltung. Rilke sagte: Wer einmal mit Gott in Berührung gekommen ist, für den gibt es kein Aufhören mehr.

Seinem Gottesbegriff scheint seine Vorstellung des «Nichts» sehr nahe zu sein.

Nicht als leeres Nichts. Sondern: Es ist nicht dies, nicht das, nicht jenes – sondern die Fülle, die alles übersteigt.

Im Untertitel Ihres Buches sprechen Sie von «Freude». Viele Menschen tun sich mit der Freude schwer. Wie kann sie neu entstehen?

Freude ist Lebendigkeit. Alles, wozu wir im Leben aufwachen, bereichert uns und macht uns lebendiger. Musik ist vielen Menschen heute leichter zugänglich als Dichtung. Doch auch die Dichtung kann zu unserer Lebendigkeit beitragen – wer sich auf Rilke einlässt, kann es erfahren.



Quelle: 
BUDDHISMUS AKTUELL 3/2026 

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