Interview in den Magazinen «Vorarlberger KirchenBlatt» und «Tiroler Sonntag» von Gilbert Rosenkranz mit Bruder David
Bruder David Steindl-Rast ist bekannt als Meister der Dankbarkeit. Im Hinblick auf seinen 100. Geburtstag am 12. Juli spricht er über Gewaltfreiheit und das ewige Leben.
Bruder David, was heißt Ostern für Sie?
BD: Ostern? Auferstehung, Leben, Freude, Frühling! Die Auferstehung ist für uns Christen sehr wichtig, das werden alle Christen zugeben. Aber warum sie so wichtig ist, daran scheiden sich die Geister. Leider glauben viele Menschen, dass die Auferstehung für uns wichtig ist, weil wir auch auferstehen werden, wenn Jesus auferstanden ist. Das ist schon richtig und wichtig, aber für die Jünger Jesu war das nicht so im Vordergrund.
Dass er am Kreuz gestorben ist, musste ihnen ja erscheinen wie ein Gottesurteil, dass Gott doch nicht hinter ihm gestanden ist. Die Auferstehung war für sie in erster Linie die Bejahung Gottes, dass Gott hinter dem Lebenswerk Jesu steht. Dieses Lebenswerk Jesu war die Bemühung, das Reich Gottes auf Erden aufzurichten. Und darum haben sie sich dann auch bemüht.
Wie haben sich die Jünger darum bemüht?
BD: Wenn wir zum Beispiel lesen, wie die erste Christengemeinde in Jerusalem gelebt hat. Das ist in der Apostelgeschichte eine romantisierte Version, aber trotzdem steht das Wesentliche drinnen. Die Gemeinde hat alles geteilt, sie war gewaltfrei, und sie hat in jeder Hinsicht zusammengearbeitet. Das waren die wichtigsten Punkte des Reiches Gottes, der Gottesherrschaft. Eines Lebens, einer Gesellschaft, wie sie sich gestalten würde, wenn wir wirklich Gott gehorchten. Heutzutage kann man auch sagen, wenn wir wirklich dem Leben gemäß leben würden.
Was bedeutet das, dem Leben gemäß leben?
BD: Das Leben will Gewaltfreiheit, es will Zusammenarbeit und Teilen. Das ist genau im Gegensatz zu der Machtpyramide des Römischen Reiches, die Jesus zum Tod verurteilt hat. Es ging um Gewalt, Macht, Rivalität, nicht um Zusammenarbeit. Es ging um Habsucht, Selbstsucht. Das Reich Gottes hat in jeder Hinsicht dem Römerreich widersprochen. Und weil Jesus es gepredigt hat und begonnen hat, es umzusetzen, wurde er hingerichtet.
Pontius Pilatus hat klar gesehen, dass es gewaltfrei war, sonst hätte er auch die Jünger hingerichtet. Er und andere römische Statthalter haben gewöhnlich, wenn ein Revolutionär hingerichtet wurde, auch seine Mitarbeiter hingerichtet. Die Apostel gingen frei. Daran sieht man, wie wichtig die Gewaltlosigkeit für Jesus war. Dafür haben die Römer eine sehr gute Nase gehabt.
Jetzt sind wir beim Thema der Macht. In der Messe rufen wir Gott oft als Allmächtigen an. Doch es gibt so viel Leid, so viele Kriege. Menschen erleben Gott als ohnmächtig ...
BD: Ja. Ich habe mehrmals Priester in der Liturgie etwas einfügen gehört, was mir gut gefallen hat. Sie haben gesagt, „es segne dich der in seiner Liebe allmächtige Gott“. Wenn in der Liturgie vom König, Christkönig, die Rede ist, ist das irreführend, auch wenn dazu gesagt wird, „nicht so wie in dieser Welt“. Warum sagt man es dann nicht gleich anders?
Jesus Christus ist unser Bruder, der das Reich Gottes in der Welt aufrichten wollte. Darum geht es. Leider ist auch die römisch-katholische Kirche eine Machtpyramide geworden. Ich glaube den Päpsten der letzten Zeit, besonders Papst Franziskus und Papst Leo, dass sie von dieser Machtpyramide weg zum Netzwerk des Reiches Gottes kommen wollen. Immer, wenn sie vom synodalen Prozess sprechen, steht das wirklich dahinter, da bin ich sicher. Bei Papst Franziskus bin ich ganz sicher.
Ich hatte einmal die Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, und habe ihn gebeten, das Subsidiaritätsprinzip auch in der Kirche anzuwenden. Nicht nur von allen anderen zu fordern. Er antwortete darauf, dass das sehr wichtig ist. Leider hat er dazugesagt: „Es braucht Zeit. Ich erfahre großen Widerstand, beten Sie für mich.“ Da sieht man, wo wir stehen. Wenn wir alles tun, um diesen synodalen Prozess zu unterstützen, das wäre die beste Form, Ostern zu feiern. Weil man das feiern würde, wofür Jesus eingetreten ist, wofür er gestorben ist und was Gott durch die Auferstehung bekräftigt hat.
Hilft es, für den Frieden zu beten, Bruder David? Manche sagen ja, wir beten und beten, aber es hilft alles nichts.
BD: Für den Frieden ... Wenn man sich um einen kranken Freund kümmert und für ihn betet, dass er wieder gesund wird, muss man, damit das Gebet nicht Blasphemie wird, ihm auch Medizin geben und ihm körperlich und in jeder Hinsicht helfen. Wenn wir der kranken Welt Frieden geben wollen und um den Frieden beten, wird unser Gebet zur Blasphemie, wenn wir nichts tun.
Ja, es ist unbedingt wichtig, im Alltag friedfertig miteinander umzugehen und eine Sprache zu verwenden, die friedlich ist. Und wir müssten zusätzlich im Großen etwas tun. Zum Beispiel von unseren Regierungen verlangen, dass sie abrüsten statt aufrüsten. Das ist ja sonst, wie wenn du für einen kranken Freund betest, dass er gesund wird, und ihn jeden Tag schlägst. Ein Wahnsinn. Waffenfabriken müssen wir abschaffen. In den Vereinigten Staaten, ich bin ja auch Staatsbürger der Vereinigten Staaten, werden Kinder zu hunderten umgebracht von anderen Kindern. Und noch immer kann sich ein Kind ohne Schwierigkeiten ein Maschinengewehr anschaffen. Wir dürfen nur nicht die Vereinigten Staaten zum Sündenbock machen, alle anderen rüsten auch auf. Abrüsten gehört zur Osterbotschaft.
Bruder David, Sie werden bald hundert.
BD: Vielleicht.
Vielleicht, ja. Mose wurde hundertzwanzig. Wie schauen Sie zurück?
BD: Dankbar. (schweigt)
Und voraus?
BD: Wie schaue ich persönlich voraus? Vertrauensvoll.
Haben Sie ein Bild von dem, wie es im Himmel ausschaut?
BD: Nein. Wir wissen absolut nichts. Wir können es uns ungefähr so vorstellen, wie sich eine Raupe das Leben als Schmetterling vorstellen kann. Aber wir wissen viel darüber, ohne uns Vorstellungen machen zu können. Wir wissen, dass Gottes Liebe uns nicht fallen lassen wird. Dass sie vom Sterben überhaupt nicht beeinflusst wird. Und dass die Liebe zu unseren Freunden und Verwandten als Vorgeschmack zur Gottesliebe untrennbar dazugehört. Und dass wir hoffen dürfen, mit unseren Lieben vereint zu werden. Aber wie man sich das vorstellen kann, wissen wir nicht.
Wenn man Geburtstag feiert, darf man sich eine Geburtstagstorte wünschen. Welche Torte wird das bei Ihnen sein?
BD: Ich weiß, dass meine Freunde viele Pläne haben. Aber es ist nett, sich überraschen zu lassen. Ich möchte so wenig wie möglich. Mit 100 weiß man wirklich nicht, ob man den Tag noch erlebt. Jeder Tag ist ein Geschenk. Aber das schönste von allen Geschenken ist die Überraschung. Das wäre auch meine Geburtstagstorte: die Überraschung.
Welche Torte hat Ihre Mama für Sie gemacht, als Sie klein waren?
Bruder David: Meine Mutter war unglaublich. (weint) 1945, mitten im Kriegsende, mitten im Chaos, hat sie plötzlich zu irgendeinem Geburtstag von uns Brüdern eine Linzertorte gemacht. Die war wahrscheinlich hauptsächlich aus Erdäpfeln und Haferflocken. Aber es war eine Linzertorte.
Danke, Bruder David.
BD: Bitte, bitte.
Quelle: Magazine Vorarlberger KirchenBlatt 2./9. April 2026 und Tiroler Sonntag 14 und 15, 2. April 2026

