Vortrag und Diskussion mit David Steindl-Rast, anlässlich der Retreat-Woche für Mitarbeiter des Katholischen Bildungswerkes am Puregg / Dienten (AT).
Bearbeitung der Originalaufnahme von Dr. Roman Angulanza und in Themen zusammengefasst: Hans Businger.
Im Fluss des Lebens mit Rilkes Sonetten an Orpheus
Abschied – Loslassen – Spare dich nicht!
Sei allem Abschied voran (Rilke, Die Sonette an Orpheus Teil II,13) und John Cage: If you let it
Rühmen im Glück und Unglück
Rühmen, das ists! (Rilke, Die Sonette Teil I,7)
Rufe mich zu einer jener Stunden (Rilke, Die Sonette II,23)
Gespräch: Rühmen aus «des Steins Schweigen» im betroffenen und horchenden Schweigen der Freunde Hiobs. – Sich Zeit lassen und auf Gedichte horchen mit «learning by heart».
aus wirklichem Bezug leben
Heil dem Geist, der uns verbinden mag, «denn wir leben wahrhaft in Figuren»: Mit archetypischen Bildern (C. G. Jung) im Doppelbereich von Chronos und Kairos, «lässlichen Geschäften» und der «Musik der Kräfte», wie im Lied der Erde O Brunnen-Mund, du gebender … (Rilke, Die Sonette Teil I,12 und II,15).
Nachklang: «Schiebt ein Krug sich ein» – «Wir leben wahrhaft in Figuren»: «O Stern und Blume, Geist und Kleid, Lieb’, Leid und Zeit und Ewigkeit!» (Clemens von Brentano: Eingang) – Sind unsere «lässlichen Geschäfte» Hindernis oder doch Hilfe?
Hören und Horchen
Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung! und Du aber Göttlicher, du, bis zuletzt noch Ertöner (Rilke, Die Sonette Teil I,1 und 26). – «hast ihr Geschrei übertönt mit Ordnung»: Frieden, «tranquillitas ordinis»: die Stillung, die aus der Ordnung kommt, dem Bezug eines zum andern, in dem jedes dem andern seinen rechten Ort zuspricht – «Ordo est amoris» (Augustinus): Ordnung und Liebe gehören unzertrennlich zusammen, denn Liebe ist ja dieses Ja sagen, das dem andern Raum gibt. – «Du verlorener Gott»: etwas, was verloren ist und doch immer aufgefunden werden kann. – «Du unendliche Spur»: «Ich bin der Weg» nicht in diesem ausschließlichen engen, nur konfessionellen Sinn wie: das ist der Weg und da ist kein anderer Weg. Es gibt nur einen Weg, das ist der Weg auf dem man ist, wenn man auf dem Weg ist. – «Nur weil dich zuletzt die Feindschaft verteilte»: Orpheus wurde nicht zerrissen, er wurde verteilt wie das Kommunionbrot.
Nachklang: «Reine Übersteigung» – Der Tempel, ein Bild für Kon-templation – Die tiefe innere, ganz instinktive Verbindung der Mutter mit dem Kind ist ein uns zugängliches Bild für das, was wir Bezug nennen. – Wir alle müssen Mutter werden. – Das Kind in Menschen entdecken, die im schlechtesten Sinn erwachsen sind – «Und er gehorcht, indem er überschreitet» (Rilke, Die Sonette Teil I,5) – Wir sind «ein Mund der Natur»: Wie Natur und Übernatur, Begreifen und Ergriffensein, Wille und Einwilligen zusammenfließen: «So fasst uns das, was wir nicht fassen konnten, voller Erscheinung aus der Ferne an» (Rilke: Spaziergang).
der Entschluss, dieses Ja zum Leben
Sich ent-schließen, sich auf-schließen zum Leben: «Ich stelle heute vor euch die Wahl: Tod und Leben: Wähle das Leben» (5 Mose 30,19): Blumenmuskel, der der Anemone (Rilke, Die Sonette Teil II,5): Sterben in dem Augenblick, wo wir wirklich lebendig werden: der Tod – die Geburt in die Fülle des Lebens.
Singe die Gärten, mein Herz (Rilke, Die Sonette Teil II,21): Heute und Jetzt sich entschließen, sich öffnen für das «Jetzt» und «Ist» über die Zeit hinaus, denn in der Zeit gibt es nur «war» und «wird sein»: Wenn ich einmal von der Zeit befreit bin, habe ich Zugang zu allem – Die ganzheitliche Schau ist die Quelle der Religion: Wenn wir auf das Ganze schauen, das Ganze erleben, erleben wir diese All-Einheit, fühlen das Bedürfnis zu danken und entdecken das göttliche Gegenüber – Was macht Menschen besonders lebendig? Abraham Maslow forschte, wie Menschen «Peak experiences», Gipfelerlebnisse in den Alltag einfließen lassen – Wie kann man es fühlen, ohne es zu fühlen? Lernen, aus diesem Entschluss zu leben, auch wenn es schwierig ist – Entschluss ist nicht Schluss, sondern Anfang.
Gespräch zu: «Schau auf das Ganze, rühme das Ganze» (Augustinus) mit Blick auf Entbehrungen, den Dualismus von Himmel und Hölle, Schuld und Sünde – Austausch von Erlebnissen, Teil des Ganzen zu sein.
«Und wandelt uns»
Wolle die Wandlung (Rilke, Die Sonette Teil II,12)
Wandelt sich rasch auch die Welt (Rilke, Die Sonette Teil I,19)
Themen aus dem Kreis der Anwesenden
Orpheus und Christus: Das große Selbst in uns und in andern entdecken
Die Buddha-Natur und das Christus-Selbst
Sich anklammern und Loslassen
Gottesbilder an der Schwelle eines neuen Zeitalters: Gott ist allmächtig mit der Allmacht der Liebe.
Autoritätskonflikte im beruflichen Umfeld der Anwesenden
Wie Jesus das Autoritätsverständnis seiner Zeit einschneidend wandelt. – Ein wesentlicher Aspekt der Auferstehungserfahrung seiner Jünger: Wir haben ihn verraten und er hat uns vergeben. – Beginn und Endpunkt der hierarchischen Kirche. – «Seid euren Feinden dankbar, das sind eure besten Lehrer» (S. H. der Dalai Lama). – Dem Wort «Feind» den Beigeschmack des Schlechten nehmen. – Der erste Schritt, wenn alles eingefroren ist: Dem andern nicht etwas anbieten, sondern ihn um einen Gefallen bitten.
«Deine Sünden sind dir vergeben»: Wie Jesus uns ermutigt, Versöhnung zu leben.
«Durch sein Kreuz hat er uns erlöst»: Vom Rachegott zum vergebenden Gott. – Neue Perspektive Versöhnung zu feiern.
«Jesus, der Pionier des Glaubens» (Hebr 12,2): Die Wellenbewegungen, die ein einzelner Mensch auslösen kann. – Grenzen unseres Mitgefühls. – Unsere Berufung, Gottes Liebe andern Menschen zu vermitteln. «Wir sind auserwählt» (Eph 1,4) und die Gefahr, es exklusiv zu verstehen.
Der Mythos vom Sündenfall (1 Mose 3): Geben und Nehmen statt An-sich-reißen. – Der selbstsüchtige Riese (Oscar Wilde)
Das Leid der Tiere – Geben und Nehmen im Festmahl des Lebens – Töten ist eine Form unseres wandelnden Trauerns (Rilke, Die Sonette an Orpheus Teil II,11).
Achtsam mit dem Körper umgehen
Lebendig werden mit Bildern in unseren Träumen: Mit Traumfiguren sprechen und Träume ritualisieren, wie Robert A. Johnson in seinen Büchern vorschlägt.
Bruder David zu Martin Buber
Amen, Amuna, Dharma, Om

